Kraft

Gestern haben wir Verwandte der besten Ehefrau von allen besucht. Ein Paar, das es mit einem seiner Kinder ganz sicher auch nicht leicht hatte: Die Tochter, I., ist gehörlos. Ohne hier auf die konkreten Probleme und Umstände einzugehen: M., I.´s Mutter, erzählte, dass, wann immer I. nach dem „Warum“ fragt(e), sie ihr antwortet(e): Weil Du die Kraft hast! Und dann kam das Thema darauf, dass wir, die beste aller Ehefrauen und ich, ja auch die Kraft für Saskias Krankheit hätten …

Ich gebe zu, ich habe mir die „Warum“-Frage nie gestellt. Ich hielt und halte das für eine sinnlose Frage. Um einen meiner Lieblingssprüche mal wieder anzubringen: So funktioniert das Universum nicht. Manche Dinge passieren einfach, oft genug gibt es exakt gar keinen Grund. Manchmal ist es schwierig, die Dinge ohne von denen mit Grund zu unterscheiden, aber meiner Meinung nach fällt „Ich habe eine Tochter mit einer schweren Epilepsie“ eindeutig in die Kategorie „Dafür gibt es keinen Grund“, insofern ist es sinnlos, ihn zu hinterfragen.

Soviel zur Frage. Und die Antwort? Weil wir die Kraft haben? Hmm. Keine ganz neue Antwort. Auch eine sehr geschätzte Mitleserin und Kommentatorin dieses Blogs hat diese Antwort schon in einem Kommentar geschrieben. Außerdem findet man sie in verschiedenen Formen und Formulierungen an vielen verschiedenen Stellen. Üblicherweise gern da, wo Personen, denen sich die Frage stellt, sie lesen können (in der Neurologie, in der wir öfter mit Saskia sind, hängt zum Beispiel auch eine Version).

Seien wir ehrlich: Es ist ein Versuch des Trostes, und des Spendens eben dieser Kraft (Stichwort „selbsterfüllende Prophezeiung“), für den Betroffenen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Leider hilft es mir aber gar nicht weiter.

Woran würde ich denn erkennen, dass ich nicht die Kraft habe? Hätte es mich dann nicht „getroffen“? Oh, wenn nur starke Leute von Problemen betroffen sind, dann bedauere ich meine „Stärke“ doch irgendwie sehr …

Ansonsten: Nein, ich habe die Kraft nicht. Aber was ist die Alternative dazu, so zu tun als ob ich sie hätte? Es gibt keine, die ich mit Moral und Ethik vereinbaren könnte. Also werde ich weiter versuchen, sie zu finden. Und gegenüber der Welt weiter so tun, als ob ich sie schon hätte. Und hoffen – und das ist in der Tat eine Hoffnung, die ich noch nicht aufgegeben habe –, dass ich sie wirklich irgendwann finde.

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4 Antworten zu Kraft

  1. Barbara schreibt:

    Du lieber Locke :-)

    Du hast sie schon, die Kraft! Darum schreibst du hier, darum fallen Dir all die Kleinigkeiten an Deiner Saskia auf, darum nennst Du Deine Ehefrau “die Beste aller”, ..und gibst nicht auf und läufst davon,
    Wieviele Väter schreiben in dieser Blog-Welt?
    Da gehört die Kraft, jeden Tag aufs Neue sich auseinandersetzen zu wollen, dazu.
    Und das machst du gut…verzweifelt und aufbegehrend, Momente der Freude wahrnehmend und Platz lassend für Dich selbst.

    Zusammen schafft ihr das…alleine wahrscheinlich auch, aber mit noch mehr Wehmut und Traurigkeit.
    Ach, Locke….ist nicht einfach…aber so tief in einen hinein gehend…das können “normalen” Familien nie nachempfinden.

    Himmel! Bin ich gespannt, was ihr vorhabt!
    Wichtig ist, DASS ihr etwas vorhabt, gemeinsam, hoffend.
    Die Frage nach dem “Warum” stellt sich nicht.

    Echt richtig liebe Grüße
    Barbara :-)

  2. Sommersprosse schreibt:

    Mit der Kraft ist das so eine Sache. Ich denke auch die Frage steht nicht : hat man sie oder hat man sie nicht. Sie muß jeden Tag neu aufgebracht werden, auch wenn einem so gar nicht danach ist und man das Gefühl hat man ist am Ende seiner Kraft. Und darum gibt es in einer solchen Situation auch Elternteile die “das Handtuch schmeißen”. Das bewältigen der Aufgabe jeden Tag auf´s Neue hat, denke ich, mit ganz viel Liebe und Verantwortung zu tun. Wenn nur eins von beiden fehlt, haut es irgendwann nicht mehr hin.
    Liebe Grüße

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