Tag 0 – Vorbetrachtungen

Dies ist der erste der versprochenen Beiträge, die ich während der kommenden Woche als Dokumentation zu schreiben, aber erst an ihrem Ende zu veröffentlichen gedenke.

Morgen fahren wir ins Kleinwalsertal in Österreich. Dort findet das diesjährige Sommercamp der Stiftung Auswege statt.

In diesen Camps geht es darum, eine Woche lang mit unheilbar kranken und schulmedizinisch austherapierten Kindern … tja … Therapie-Sitzungen mit … alternativen Heilern zu machen. Kann man das so sagen? Vielleicht weiß ich in einer Woche, wie ich das formulieren würde.

Zur Vorgeschichte … ich denke, die beste aller Ehefrauen wird drüben in ihrem Blog mehr dazu erzählen, sie kann das besser als ich, also lasse ich es hier.

Ich bin skeptisch. Sehr skeptisch. Ich halte nichts von Geistheilung und dergleichen. Ich halte es für Humbug, wenn wir vorher gebeten werden, ein Foto von Saskia zu schicken, damit sich der/die (?) Heiler schon mal mit ihr vertraut machen oder sich zu ihr verbinden oder ??? können.

Man hört oft den Spruch, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die sich unsere Schulweisheit eben nicht erklären kann. Oh ja, das ist ganz sicher richtig! Es gibt aber einen Unterschied zwischen „Wir haben keine Erklärung für eine bestimmte Beobachtung“ und „Diese Beobachtung läßt sich durch XY erklären“!

Als Beispiel: Wenn in einer Magier-Show jemand einen Elefanten verschwinden läßt, ist das eine Beobachtung, die sich der durchschnittliche Beobachter/Zuschauer wohl nicht erklären kann. Nichtsdestotrotz wären nur die allerwenigsten dieser Leute bereit, als Erklärung „Er hat den Elefanten mit Hilfe magischer Kräfte in Luft aufgelöst“ zu akzeptieren.

Im Übrigen ist „durch Magie in Luft aufgelöst“ keine Erklärung, genausowenig wie „Geistheilung“ eine ist. Es ist nur eine Worthülse – entweder, weil die richtige Erklärung zu kompliziert wäre, dann sollte es aber Menschen geben, die sie geben und verstehen können. Oder aber, weil es gar keine „richtige“ Erklärung gibt – weil nämlich gar kein Sinn im Inneren der Worthülse steckt …

Insofern: Wenn ein nach Stand der Schulmedizin unheilbar an Krebs erkranktes Kind plötzlich sämtliche Metastasen verliert, könnte das vielleicht daran liegen, dass die Eltern vorher das Bild des Kindes einem Geistheiler geschickt haben, und der es aus der Ferne geheilt hat. Es könnte auch sein, dass Gott irgendwelche Fürbitten erhört und das Kind geheilt hat. Es könnte aber auch sein, dass das Kind einfach nur heute zufällig eine Kombination an Nahrungsmitteln zu sich genommen hat, verbunden mit besonders intensiver Sonneneinstrahlung an einem warmen Sommertag, so dass die (immer noch in weiten Teilen unverstandene) Biochemie seines Körpers in der Lage war, daraus irgend etwas Tolles zu basteln. Oder weiß der Geier. (Blödes Beispiel, ja, but you get the idea.)

Ein wichtiges Stichwort hier ist übrigens „Selektive Wahrnehmung“: Von dem Kind, welches angeblich durch einen Geistheiler geheilt wurde, wird einem jeder erzählen. Diese Geschichte wird die Runde machen, jeder, der aus irgend einem Grund gern glaubt, dass so etwas funktioniert (und es gibt viele gute Gründe, das glauben zu wollen! Nur weil ich es nicht glaube, heißt das nicht, dass ich den Wunsch nach diesem Glauben nicht nachvollziehen und verstehen kann!), wird sie weiter erzählen, sie wird sich – so ist das seit Jahrtausenden mit mündlich, und in Zeiten von Bild & Konsorten auch von schriftlich überlieferten Geschichten – mit jeder Erzählung ein wenig verändern, meistens zu ihren Gunsten.
Aber von all den Kindern (vielleicht -zig-Tausend mal so vielen?), deren Eltern mal einem Geistheiler ein Bild des Kindes geschickt haben, und das dadurch nicht gesund geworden ist, wird kaum einer je erfahren …

Update (Montag abend, zwei Tage später): Witzig. Als ich das mit dieser einen positiven Geschichte schrieb, wußte ich noch nicht, dass ich zwei Tage später die Geschichte von dem Mädchen mit Epilepsie, die in einem solchen Sommercamp geheilt worden ist, und die letztendlich auch uns mit Saskia hier her gebracht hat, so oft gehört haben würde – dreimal bis jetzt.
Update (drei weitere Tage später): Ich bin bei fünfmal …

Also: Ich glaube nicht daran. Ich glaube, dass es verschwendete Zeit ist. Naja, vielleicht haben wir einfach ein paar Tage schönen Urlaub in Österreich, das wäre definitiv auch viel wert 🙂

Erst gestern wurde mir bei diesem Thema übrigens wieder gesagt: „Versuche, dran zu glauben“! Eine Variante von „Du mußt daran glauben, damit es wirkt!“. Nein, tut mir leid, das geht nicht. Glauben kann man nicht an- oder abschalten. Glaube wird durch Erlebnisse beeinflußt, oder durch Überzeugung, oder durch andere konkrete Dinge. Man kann nicht einfach sagen: „Jetzt glaube ich mal daran!“ Ich jedenfalls kann das nicht. Auf Kommando – mein eigenes oder dass eines anderen – kann ich weder an Gott glauben, noch an Geistheilung, noch an Homöopathie.

Dieser Nicht-Glauben meinerseits ist übrigens auch der einzige wesentliche Grund, warum ich das Ganze erst nach Abschluß der Woche veröffentliche: Wer weiß, durch welchen dummen Zufall irgend jemand der an dem ganzen Projekt Beteiligten sonst auf den entsprechenden Blog-Eintrag stoßen würde – das könnte das ganze Ergebnis doch ziemlich … beeinflussen.

Und diese Beeinflussung will ich nicht. Ich gebe zu, ich habe eigentlich keine Lust, meine Meinung zu diesem Thema zu ändern. Aber hey, wann bekommt man schon einmal die Chance, das direkt auszuprobieren, aus nächster Nähe? Mit Leuten, die Koryphäen auf ihrem Gebiet sein sollen? Vielleicht klappt es wirklich? Nein nein nein, ich glaube nicht, dass es klappt – aber es gibt ja durchaus mehr als genug Gelegenheiten, bei denen ich mich irre. Nach meinem aktuellen Stand würde ich es in gewisser Weise hassen, mich an dieser Stelle zu irren, aber …

Und letztendlich: Man muß alles mal probiert haben. Ich möchte nicht irgendwann denken „Ach, hätten wir mal, als wir die Gelegenheit hatten!“. Ich möchte entweder eines Besseren belehrt werden – indem es wirkt –, oder ich möchte das Thema derartiger Heilmethoden für Saskias Krankheit ein für alle Mal abschließen.


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2 Antworten zu Tag 0 – Vorbetrachtungen

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