Behindert

(Und zu dem vorigen Artikel passt dann, vom Titel her, sehr schön dieser hier schon seit einer Woche herumliegende … obwohl leider außer dem Titel und der groben Idee in meinem Kopf noch nichts von ihm existiert. Aber jetzt muß er eben einfach raus.)

„Das sieht aber schon ziemlich behindert aus.“

Dieser Satz fiel vor etwas über einer Woche im Tanzkurs, als wir – 4 Tanzpaare – bei gerade anderweitig beschäftigtem Tanzlehrer gemeinschaftlich versuchten, uns an eine Figur aus der vorhergehenden Woche zu erinnern, und dabei auch diverse Versuche am lebenden Objekt starteten.

„Das sieht aber schon ziemlich behindert aus.“

Hmm.

Ich habe überlegt, ob ich etwas sage. Und spannender: Ich habe überlegt, ob es mir überhaupt etwas bedeutet, ob es mich trifft, oder ob es mir egal sein sollte. Wie gut ich, als Vater einer schwer behinderten Tochter, damit leben kann, dass jemand (der das nicht weiß) einen solchen Satz sagt.

Früher™, in der Schule, so glaube ich mich zumindest zu erinnern, war es politisch nicht korrekt (auch wenn es damals anders hieß), so etwas zu sagen. Naja, die Person war definitiv auf einer anderen Schule als ich, mit ziemlicher Sicherheit sogar in einem anderen Land :). Danach … keine Ahnung, bin mich mit dem Thema nie konfrontiert worden.

Und heute? Natürlich zeugt ein solcher Satz mindestens von einer gewissen Gedankenlosigkeit. Aber erst einmal eben auch nur das, nicht mehr. Lohnt es sich, hier den Betroffenen (in doppeltem Sinn) herauszukehren, und zu sagen, dass ich das nicht toll finde? Wenn es wirklich nur Gedankenlosigkeit ist – vielleicht. Wenn es mehr ist (was ich in dem konkreten Fall gar nicht unterstellen will), dann wohl eher nicht – jedenfalls nicht bei Menschen, die man, wenn überhaupt, einmal pro Woche für zwei Stunden, in denen man eigentlich Anderes zu tun hat, sieht. Das läßt keinen Raum für ernsthafte Gespräche.

Und, abgesehen von „Lohnt es sich?“ – interessiert es mich? Würde die Welt besser, wenn ich jemanden davon überzeugen kann, dass eine solche Gedankenlosigkeit anderen weh tut (Tut es das? Per se?), oder eine womöglich hinter der Bemerkung stehende Geisteshaltung ziemlich anachronistisch ist?

Ich weiß es nicht. Ich hätte früher genauso gedankenlos sein können, war es vielleicht auch. (Vielleicht auch nicht. Eine Deutschlehrerin fragte mich mal, in der 10tenKlasse, glaube ich, bei einer Diskussion zum Thema Behinderung, ob ich mir vorstellen könne, eine Frau im Rollstuhl zu lieben. Ich überlegte, und sagte ehrlich, dass ich das nicht wisse.)

Vielleicht sollte es mich interessieren. Nicht in diesem konkreten Fall, ich mache das Thema mit der betreffenden Person bestimmt nicht ein paar Wochen nach dem eigentlichen Vorfall wieder auf. Aber generell.

Ich habe an diesem Abend nichts gesagt. Dazu kam das zu überraschend, ich hatte einfach keine Meinung zu dem Thema, und konnte sie mir in dem Augenblick auch nicht mal eben schnell bilden. Und so richtig gebildet habe ich sie mir immer noch nicht.

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5 Antworten zu Behindert

  1. Barbara schreibt:

    Ich hab Deinen Post schon heute ganz zeitig in der Früh gelesen und mach mir meinen Kopf seitdem….ok…nicht die gaaanze Zeit, aber doch immer wieder.

    Weißt Du, ich versteh Dich schon.
    Wenn ich mich in solchen Situationen wiederfinde, kommt es sehr auf meine Tagesverfassung an, wie ich reagiere.
    Ich kann aufklärend einwirken, kann in die Luft gehen und überaus deutlich die Nachlässigkeit, Oberflächlichkeit anprangern….und ich kann auch nichts sagen.

    Aber immer, wenn ich nichts sage, plagt mich mein „Gewissen“.
    Mein „Grund-Denken“.
    Als hätt ich mich selbst verraten.

    Du weißt schon, wie ichs meine.
    Dir war es auch einen „fragenden“ Gedanken wert.
    Habt einen schönen Tag!
    Barbara

    • Ach, zum richtig In-die-Luft-Gehen braucht es bei mir mehr. Und wie (nicht allzu deutlich) gesagt: Ich bin eher vorsichtig, mich da moralisch zu erheben, ich bin mir überhaupt nicht sicher, wie sehr gedankenlos ich selber wäre, wenn ich nicht betroffen wäre.
      Viele Grüße
      ‚Locke‘

  2. Sommersprosse schreibt:

    Hallo Locke und alle Mitleser,

    komisch, ähnliche Gedanken hatte ich gestern als eine Kollegin die Deffinition behindert benutzte. Ich bin für mich dann zu dem Schluß gekommen es als nicht „schlimm“ zu bewerten. Ich finde, es kommt auch immer auf den Ton und den Zusammenhang an, in dem es gesagt wird. Freilich ist es von vielen Menschen abwertend gemeint, aber nicht immer. Auf alle Fälle ist es besser wie diverse andere Sprüche: ist nicht ganz sauber, hat einen Sprung in der Schüssel, nicht alle Tassen im Schrank u.v.m.
    Diese besonderen Kinder, Erwachsenen sind doch gegenüber den „normalen“ und denen, die es denken zu sein, von der Natur benachteiligt und werden daran gehindert bestimmte Gedanken, Bewegungen,Tätigkeiten auszuführen. Manchmal haben sie aber auch Fähigkeiten und besondere Begabungen die uns fehlen und die wir uns wünschen würden. Ich möchte es einfach in diesem Sinne verstehen.
    Wenn es allerdings besonders abwertend, verspottend gemeint ist, dann kann ich auch ein paar Takte dazu sagen und tue es auch.
    Deine Reaktion war o.k. ,da man kann dieses Thema nicht in 2 Sätzen abhandeln kann.
    (Wenn ich jetzt was falsch sehe, ich bin für jede Kritik offen.)

    Liebe Grüße an alle

    • Solche Dinge sind immer sehr subjektiv. Ich finde zum Beispiel „behindert“ einen schlimmeren Ausdruck als „der hat einen Sprung in der Schüssel“, bei Dir scheint das anders herum zu sein. Während des Studiums hab‘ ich mal mit einem Freund mehrfach darüber diskutiert, dass für mich der Begriff „Arschloch“ eine ziemlich schlimme Beleidigung ist, was er überhaupt nicht nachvollziehen konnte. So hat halt jeder seine eigenen Wahrnehmung …
      Viele Grüße
      ‚Locke‘

  3. Elisabeth schreibt:

    Da passt das mit dem behinderten Schaf auf den Kuscheltierblog dazu. Da hatte ich die Gedanken so wie Du. Es waren ja Kinder, die das so einfach sagten. Ich hab mich nun schon zweimal mit ihnen unterhalten. Sie fragen selber nach und ich denk mir, nein, sie werden nicht mehr einfach so „behindert“ sagen.
    Es ist schwierig. Wir sind natürlich als Eltern eines behinderten Kindes feinfühliger bei dem Wort. Wie mir Tanja schon schrieb, wir sind mittendrin.
    Elisabeth

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