Normal

Gestern (oder vorgestern?) habe ich Saskia mal wieder ein größeres Stück ihres Essens aus dem Hals geholt, weil sie nach wie gern zu große Stücke abbeißt, oder einfach ohne Abbeißen alles in ihren Mund stopft.

In so einer Situation kann ich ihr natürlich nicht wirklich ernsthaft den Kopf abreißen (obwohl, da käme man vielleicht an das feststeckende Stück besser ran …), also habe ich ihr, nachdem das Ganze ausgestanden war, friedlich erklärt und versprochen, dass ich demnächst etwas mehr darauf achten werde, dass sie ordentlich abbeißt, ordentlich kaut, etc. … und dass ich im Zweifelsfall sonst gern auch mal böse werde …

(Hach, ich komm‘ mir so blöd vor, wenn ich so etwas sage oder schreibe. Ich bin meinem armen schwachen kranken süßen schnief Kind nie böse. Jemand nannte das mal Behindertenbonus. Ja, es ist schwer, „normale“ Erziehungsmaßstäbe anzusetzen (was immer das ist), wenn „sie es doch sowieso schon so unendlich schwer hat“. Aber im Augenblick geht es ihr relativ gut, also versuche ich jetzt mal … ehm … knallhart zu sein.)

Nun ja, heute beim Abendessen hatte ich dann Gelegenheit, dieses Versprechen einzulösen – Saskia stopfte sich wieder riesengroße Brotstücke in den Mund, ohne Rücksicht auf Verluste. Und diesmal habe ich nicht gewartet, bis ich sie wieder aus ihrem Stuhl holen, kopfüber hängen, und final meinen Finger in ihren Hals stecken muß. Stattdessen habe ich ihr – wegen fortgesetzter Ignoranz zugegeben in steigender … Ernsthaftigkeit – gesagt, dass sie bitte abbeißen und ordentlich kauen möge, damit sie sich nicht verschluckt, das fänden wir beide alle nicht schön, dass sie sich erst etwas Neues in den Mund stecken möge, wenn der Rest im Bauch ist, etc. pp.

Und was macht das Kind? Läßt den Ziegenbock raus, schiebt den Rest des Essens zur Seite, spuckt den Inhalt ihres Mundes bockig aus (sie weiß sehr gut, dass ihre Eltern das gar nicht leiden können), und macht überhaupt einen auf „Die Welt ist blöd, und alle sind gegen mich.“. Und das Ganze nicht nur einmal, sondern kurze Zeit später, nachdem wir uns eigentlich schon wieder vertragen hatten, spielen wir das alles noch ein zweites Mal durch.

Und ich habe mich ernsthaft gefragt, wie ich Saskia eigentlich an dieser Stelle sanktionieren soll. Ich mein‘, ich hab‘ ja keine Ahnung von Kindererziehung, und die Frage hat sich in den all Jahren von Saskias Epilepsie eher selten gestellt – aber irgendeine Art von Sanktion erschien mir an der Stelle dann doch angemessen. Schläge? Ach nö, heute mal nicht. Das Sandmännchen zu streichen wollte ich nicht riskieren, das ist inzwischen zu tief verankert im abendlichen Ritual – das wegzunehmen würde nur wenig Steigerungsmöglichkeiten lassen.

Ich habe dann das abendliche Lesen gestrichen (das Saskia auch sehr wichtig ist), zumindest das mit mir – die beste aller Ehefrauen hat trotzdem mit Saskia gelesen (normalerweise gibt es jeweils ein Buch mit jedem von uns). Was natürlich den Nachteil hatte, dass der zeitliche Abstand zwischen dem „Vorfall“ und der „Strafe“ schon relativ groß war – wobei ich allerdings glaube, dass sie den Zusammenhang trotzdem noch begriffen hat.

Warum ich all das in dieser epischen Breite erzähle? Ich meine, außer weil ich einfach unfähig bin, mich kurz zu fassen? Nein, gar nicht, um irgendwelche Erziehungstips zu bekommen. Das würde ich schon irgendwann lernen.

Nein, ich erzähle das, weil es eine neue Erfahrung war. Eine Situation, in der ich einen Augenblick lang mal das Gefühl hatte, ein ganz alltägliches Problem mit meinem Kind lösen zu müssen. Keines der vielen Probleme, die mit ihrer Epilepsie zu tun haben, sondern ein ganz normales Problem, wie es alle Eltern dieser Welt mit allen ihren Kinder haben.

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8 Antworten zu Normal

  1. Ilana schreibt:

    auch wenn das blöd klingt – irgendwie muss ich grad lächeln und freu mich für dich/euch 🙂

  2. Ute schreibt:

    Na, irgendwo in diesem Körper drin steckt doch schließlich ein Charakter mit einem eigenen Willen drin. Der – vielleicht oft später als andere Kinder – die gleichen Entwicklungsschritte durchläuft. Insofern ist Saskia als Person durchaus normal, nur eben zeitverzögert.

    Hier bei uns wäre die Konsequenz das umgehende Ende der Mahlzeit gewesen, auch wenn das betreffende Kind zu dem Zeitpunkt krank gewesen wäre. Die Lütten sind ja nicht dumm – Krankheits- oder Behindertenbonus lernen die ganz fix mit einzukalkulieren. 😉

    • Ich bin mir nicht sicher, wie sehr ein beendetes Essen für Saskia eine Strafe gewesen wäre. Aber ich werde das mal im Hinterkopf behalten. Auf der anderen Seite sind wir froh, wenn das mit dem Essen bei Saskia völlig problemlos klappt – insbesondere mit der Medizin. Und da die nicht auf nüchternen Magen zu geben ist, bekommt sie sie immer am Ende einer Mahlzeit. Wenn wir die Mahlzeit vorzeitig beenden, verweigert Saskia aus Trotz dann vielleicht auch die Medizin – und dann hätten wir ein ziemliches Problem. Schwierig.
      Viele Grüße
      ‚Locke‘

  3. Ursel schreibt:

    Entschuldigung wenn ich mal ganz doof frage:

    hat es einen Grund, dass Saskia abbeißen soll. Ich hab als Kind *Reiterle* geliebt. (also in mundgerechte Stücke geschnitte Brotstückchen)

    • Hallo Ursel,

      Naja … Wenn es ihr halbwegs gut geht, wollen wir sie auch entsprechend ihres Zustandes fordern. Insbesondere, da ihre Motorik ziemlich im Eimer ist, wäre es schön, wenn sie die übt, solange/sobald sie in der Lage dazu ist. Alles in kleine Stückchen schneiden ist da eher kontraproduktiv.

      Auf der anderen Seite – wenn es ihr zu schlecht geht, bekommt sie natürlich auch Stückchen.

      Prinzipiell wäre es einfach schön, wenn sie bestimmte Dinge entsprechend ihren Fähigkeiten auch wirklich selber macht. Was natürlich immer eine Gratwanderung ist – die Grenze zwischen „kann sie heute“ und „kann sie heute nicht“ ist manchmal schwer zu finden.

      Mich beschleicht oft der Verdacht (und manchmal sagen mir andere das auch 🙂 ), dass ich auf Grund des „Behinderten-Bonus“ Saskia viel zu viele Dinge abnehme, die sie eigentlich prima selber könnte …

      Viele Grüße
      ‚Locke‘

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