Blöd

Was mach‘ ich mit einem Kind, das beim Frühstück bockig ein Stück Apfelsine über den Tisch wirft,und anschließend, als ich daraufhin das Frühstück für sie beende, die Medizin verweigert?

Nachdem sie sich gerade daneben benommen hat, möchte ich auch nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, oder gar irgendeine Art von Belustigung starten – das würde sie zwar vermutlich aus der Bockigkeit heraus holen, aber das ist irgendwie nicht Sinn der Sache.

Ihr zu erklären, dass die Medizin für sie wichtig ist, führt natürlich auch nicht zum Ziel. Keine Medizin geben ist auch keine Option. Reinzwingen sowieso nicht. Blöd, das.

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8 Antworten zu Blöd

  1. Ute schreibt:

    Fragen wir mal so: Wenn Du unter Zeitdruck bist und ein Kind im Auto von A nach B fahren mußt… Und das Kind wehrt sich mit Händen und Füßen und Rückendurchbiegen gegen das Befestigen des Gurtes… Läßt Du es dann unangeschnallt fahren, weil ja Zwang keine Option ist? Oder wartest Du prinzipiell und grundsätzlich so lange, bis es einsichtig wird? Oder irgendwann vielleicht mal einschläft? ^^

    Ich sage ganz ehrlich, daß ich bei so etwas Wichtigem wie Medikamenten durchaus Zwang walten lasse. Ob das das fies schmeckende Antibiotikum oder das unangenehme Zäpfchen ist, oder auch der Venenzugang im Krankenhaus. Wat mutt, dat mutt.

    • Ich weiß nicht, wie ich auf die Auto/Gurt-Situation reagieren würde. Ja, ich würde es vermutlich und hoffentlich ohne Zwang versuchen – mit Gut-Zureden, mit Warten, mit Ich-Weiß-Nicht-Was. Ja, wenn alles nicht hilft, würde ich vermutlich in dieser Situation Saskia auch gegen ihren Willen anschnallen.

      Nur: Bei der Medizin ist die Situation noch etwas anders, aus zwei Gründen. Zum einen ist Zwang hier schwieriger: Ich kann Saskia nicht zum Schlucken zwingen. Das würde sehr unschön werden. Zum anderen reden wir hier von etwas, was uns den Rest unseres und Saskias Leben begleiten wird, und was wir zweimal pro Tag tun. Wir sind sehr froh, dass das Nehmen der Medizin normalerweise absolut unproblematisch ist. Wenn wir hier anfangen, Zwang auszuüben, und Saskia danach jedesmal ein Drama daraus macht, dann kann uns das so ziemlich jeden Tag versauen.

      Meine Idee heute morgen wäre gewesen, Saskia einfach in ihrem Stuhl sitzen zu lassen, bis es ihr selber zu blöd wird. Ich bin in der glücklichen Lage, auch mal spontan von zu Hause arbeiten zu können – die beste aller Ehefrauen hätte ich auf Arbeit geschickt, Saskia in den Stuhl gesetzt, und selber hätte ich mich einfach an den Schreibtisch gesetzt.
      Ich weiß nicht, ob es geholfen hätte – aber ich glaube, nach einer Weile wäre es Saskia ausreichend langweilig geworden, dass sie für meine Bitte, ihre Medizin zu nehmen, empfänglicher gewesen wäre.
      Trotzdem bin ich froh, dass es nicht dazu kommen mußte …

      Ja, es gibt sicher Situationen, aus denen ich nicht ganz so einfach raus komme. Da werde ich drüber nachdenken, wenn es soweit ist … im Augenblick hoffe ich, ohne ernsthafte körperliche Gewalt auszukommen.

      Was übrigens auch ein wesentlicher Unterschied ist: Das Allein-In-den-Stuhl-Setzen ist auch Zwang. Aber das Löffel-in-den-Mund-stecken und Mund-zum-Schlucken-Zuhalten ist körperliche Gewalt. Und irgendwo zwischen diesen beiden Dingen ist eine Grenze, die ich nicht überschreiten möchte, und hoffentlich auch nie überschreiten werde.

      Viele Grüße
      ‚Locke‘

      • Ute schreibt:

        Klar, im Stuhl sitzen lassen würde ich auch erstmal in Betracht ziehen, falls der durch Gehampel nicht umkippen kann. Nur haben wir schon lange keine Kinderstühle mehr, aus denen sie alleine nicht rauskönnen, daher fiel mir das erstmal gar nicht als Lösung ein. (Und selbst als wir sie noch hatten, fand hier so mancher Befreiungsversuch statt, bei dem einem Angst und Bange werden konnte. ^^) Und – großer Vorteil – inzwischen begreifen meine beiden, wann und warum sie Medizin nehmen sollen – was ja eh selten genug vorkommt. Aber als Baby… Saskia war mit 5 Monaten für eine Woche mit einem unbekannten Infekt im Krankenhaus. Dort ging es eben nur unter Zwang. In Anbetracht der Alternative kam ein Verzicht auf die Medikamente und den Flüssigkeitstropf schlicht nicht in Frage.

        Ich sehe auf die Dauer eben nur die Gefahr, daß ein Kind, das unter Dauermedikation steht, ratzfatz erkennt, was für ein tolles Druckmittel es da gegen seine Eltern in der Hand hat. „Wenn Du nicht… dann nehm‘ ich nicht meine Tabletten.“ Und _da_ würde ich gaaaaanz schnell einen Riegel vorschieben. (Mein Sohn hat in einer kurzen Phase gemeint, mich mit Essensverweigerung erpressen zu können. Zu seinem Leidwesen war mir das aber völlig egal. _Ich_ wurde ja satt. Und zwischendrin gab’s für ihn halt nix. *g*) Da finde ich den Ansatz der Ärzte, den Elisabeth da oben schildert, eigentlich gar nicht schlecht. Wer seine Tabletten nicht schluckt, kriegt halt im Krankenhaus einen Tropf. Letzten Endes wäre das ja tatsächlich die Konsequenz, nehme ich als Laie mal an.

        Vielleicht hilft ja auch erstmal die Androhung, die Lieblingsaktivitäten zu streichen. Wer seine Medizin nicht nimmt, ist anschließend eben zu schlapp fürs Schwimmen oder Turnen oder… Whatever. Nach Euren Schilderungen schätze ich Eure Tochter als intelligent genug ein, das zu verstehen.

        • Graugrüngelb schreibt:

          Also, der Stuhl kippt nicht so leicht. Und raus kommt Saskia da dank Gurt und Tisch auch nicht ohne fremde Hilfe.

          Das mit dem Druckmittel sehen wir auch so, hat sich zum Glück aber bisher nicht bewahrheitet. Das mit dem „wenn … dann …“ gibt es hier von Saskias Seite (bisher) nicht, es funktioniert aber auch in der anderen Richtung nur bedingt. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob Saskia es nicht versteht oder ignoriert. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie da gar keinen Bezug dazu hat (und stelle gerade fest, dass das sehr schwer zu erklären ist). Irgendwie funktioniert dieses ganze Konzept mit dem „jetzt machen wir das“ und „später machen wir dann jenes“ bei Saskia nicht.

          Essensverweigerung würde uns sehr schnell ins Krankenhaus bringen, denn leider sind diese Medikamente alle nicht für nüchterne Mägen geeignet. (Also bring mein Kind bitte nicht auf solche Ideen.)

    • Graugrüngelb schreibt:

      Hallo Ute, klar gibt es einige Situationen, in denen auch Saskia etwas machen muss, was sie vielleicht nicht unbedingt will: Nachmittags aus dem Kindergarten mitkommen 🙂 oder eben im Auto in ihren Sitz klettern (wenn sie dazu in der Lage ist) und sich anschnallen lassen. Logisch. Notwendig. Unangeschnallt fahren wir nicht. Wenn ich Zeit habe, sitze ich das aus, wenn ich weniger Zeit habe, wird sie auch mal etwas heftiger in den Sitz gesetzt.

      Die erste Blutentnahme im Krankenhaus, als die Epilepsie anfing (das war Saskia anderthalb), werde ich auch nie vergessen. Wir waren 3 Erwachsene, die sie mit aller Kraft festhalten mussten, damit ihr jemand die Kanüle in den Arm stechen konnte. Notwendig, keine Frage – aber es war Horror pur. Und lange Zeit hatte ich bei jeder späteren Blutentnahme (oder generell Zugang) Angst, dass wir wieder in so eine Situation kommen. Ganz so schlimm war es zum Glück nicht mehr, aber Zwang war oft dabei und schon beim Hinlegen gab es Theater und Tränen. Inzwischen zuckt Saskia nicht mal mehr, wenn wieder einmal eine BE ansteht (es sei denn, der Arzt stellt sich blöd an und stochert ewig rum). Und ich bin froh, dass es ohne Zwang geht. Ob es die Gewohnheit ist oder die Tatsache, dass wir ihr inzwischen ihren Willen lassen und sie sich nicht hinlegen muss, ist aber schwer zu sagen.

      Bei Antibiotika hatten wir zum Glück bisher nur welche, bei denen Saskia anschließend „mehr“ verlangte 😉

      Die Medikamente, die sie täglich braucht, müssen aber rein und da ist eben auch ihre Mitwirkung gefordert. Die Kapseln sind nicht ganz winzig und wenn sie nicht schluckt, haben wir ein echtes Problem. Wenn sie sie zerbeißen sollte, wäre der Inhalt auch noch sehr bitter (habe ich mir sagen lassen, nicht selbst getestet). Bei der zweiten Sorte Kapseln geben wir nur den Inhalt (kleine Kügelchen = Mikrokapseln) und wenn sie da auf die Idee kommt, die einzeln wieder auszuspucken, wird es sehr unschön. Zumal ich dann nicht mal wüsste, wieviel ich nachgeben müsste (die Kügelchen sind sehr klein und finden sich dann unter Umständen sonstwo).

      Lange Rede, kurzer Sinn: Ich bin sehr, sehr froh, dass wir normalerweise keinerlei Schwierigkeiten mit Essen, Trinken und Medikamentennehmen haben – und ich bin wirklich bemüht, es dabei zu belassen. Vielleicht lasse ich Saskia dadurch gelegentlich ein paar Sachen durchgehen, die ich bei einem gesunden Kind kritisieren würde – aber das ist es mir wert.

      • Ute schreibt:

        Kann ich irgendwie schon verstehen, klar. Nur wollt Ihr mit Eurer Tochter ja sicherlich auch ab und zu irgendwo Besuche machen, Ausflüge etc. Mir wäre da mulmig, wenn ich sie das Essen herumschmeißen lassen müßte, nur damit es anschließend keinen Ärger mit der Medikamentenneinnahme gibt. Sowas ist ja zu Hause schon blöd genug, aber in fremder Umgebung? Irgendwas würde ich mir da schon überlegen, sonst isoliert sie sich (und Euch) durch solches Verhalten ja noch zusätzlich. Aber vielleicht sieht das aus meiner Warte zweier höchstens mal trotzigen Kinder auch einfacher aus als es ist… 😦

        • Graugrüngelb schreibt:

          Ist halt ’ne Gratwanderung zwischen Erziehung, die natürlich auch bei einem behinderten Kind notwendig ist und … tja … was eigentlich? – Toleranz(?) weil es manchmal einfach nicht anders geht. Das sieht in der Praxis nun auch nicht so aus, dass hier ständig mit Essen geworfen wird (das fände ich dann ja auch selbst eklig).

  2. Elisabeth schreibt:

    Oh, ein schwieriges Thema. Eine ungute Situation.
    Ich bin dankbar, dass trotz grantigem Robert und „ich ess nicht“ oder „dann schmeiss ich es dem Hund runter…“ ja, dass die Medizin immer genommen wurde/wird. So viel anstrengende Sachen er auch macht … die Medizin nimmt er in allen Trotzphasen! Da haben wir schon oft dagesessen und uns gewundert, und Michael ist sich sicher, dass Robert genau spürt, dasss er sie braucht. Vielleicht ist es auch wirklich der Punkt, dass er weiss, da kann man mit uns nicht diskutieren … da geht nichts anderes, es muss sein …. Wir wissen es nicht! Anfangs haben die Ärzte gesagt, falls er sie mal nicht nimmt, dann sollen wir kommen und er muss an den Tropf. Auch nach drei Jahren weisss er das noch. Manchmal spielt er mit uns: „Ich will zum Arzt und ich will ein Tropf, ich liiiiebe es, wenn dann alles in mich reintropft!!!“
    Regelmässig kreischt dann Susanne und hält ihn für …. na, was die da sagt, schreib ich lieber nicht.
    Und dann grinst Robert und nimmt sein Orfiril….
    Liebe Grüsse
    Elisabeth

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