Übergang

Vor wenigen Wochen rief mich mein ehemaliger Chef an, er wolle mal mit mir reden, und er hätte da ein paar Vorstellungen … In Kürze: Er wollte mich abwerben.

Wir hatten inzwischen ein paar Gespräche, und er hat mich fast gekriegt. Innerlich, meine ich, unterschrieben und endgültig geklärt ist das alles noch nicht.

Ich habe direkt nach dem Studium mit diesem Job, den ich jetzt habe, angefangen. Das war vor 12 ½ Jahren. Es gab Höhen und Tiefen, aber der eigentliche Kern der Arbeit – Software-Entwickung, an einem spannenden Produkt – hat mir immer Spaß gemacht. In letzter Zeit allerdings verschlechtert sich das Umfeld zunehmend, auf verschiedene Arten – und das drückt den Spaßfaktor doch etwas nach unten auf Dauer.

Ich bin oft (und oft auch gerne) irgendwo angeeckt, indem ich meine Meinung darüber, dass etwas unsinnig ist, kundgetan habe. Zumindest in diesem Umfeld, bei meiner Arbeit, wo ich nach nur wenigen Jahren selbstbewußt oder auch arrogant genug 🙂 wurde, mir zu sagen, dass ich nicht jeden Mist unwidersprochen mitmachen muß. Aber irgendwann wird das anstrengend, und in zunehmendem Maß habe ich den Eindruck, dass ich immer weniger bewegen kann.

Ich könnte einfach resignieren, und Dienst nach Vorschrift machen. Das wäre ein recht bequemer Dienst, und das könnte durchaus noch Jahre oder Jahrzehnte klappen – das Gehalt würde stimmen, die zusätzlichen Leistungen würden stimmen – nur am täglichen Spaß würde es hapern. Und an dem täglichen Blick in den Spiegel, den ich mir wohl nur noch selten gönnen würde …

Und dann dieses Angebot: Ein typisches Startup-Unternehmen. Am Anfang gerade mal 8 Leute, Finanzierung (angeblich) gesichert für zwei Jahre. Danach geht es weiter, wenn wir Erfolg haben. Oder eben auch nicht. Mit etwas Pech kollabiert das Ganze auch schon eher.

Die Leute: Ebenfalls alle abgeworben aus meiner aktuellen Firma. Alles Namen (zumindest soweit ich sie kenne), die mich, ehrlich gesagt, stolz machen, in dieser Liste mit aufzutauchen: Vor der fachlichen Kompetenz eines jeden habe ich höchsten Respekt. Allein das Arbeiten in dieser Gruppe wäre eine spannende Herausforderung, die mich, denke ich, weiterbringen könnte.

Das Thema: Halbwegs nah an dem, was ich jetzt mache. Ich würde vermutlich nicht vollkommen bei Null anfangen, sondern hätte durchaus ein solides Fundament. Trotzdem gäbe es eine Menge neuer Dinge zu lernen. Und je nachdem, in welche Richtung sich das entwickelt, besteht durchaus das Risiko, dass ich es nicht auf alle Zeiten spannend fände (was ein Unterschied zu meiner aktuellen Arbeit ist: Da gibt es noch genug spannende Dinge für Jahrzehnte).

Dummerweise bin ich eigentlich gerade kein guter Arbeitnehmer für eine junge, aufstrebende und arbeitsintensive Firma. Ich habe ein Kind mit einer schweren Epilepsie, das mein privates Leben oft genug an den Rand meiner Leistungsfähigkeit bringt. Und solche Firmen haben die Eigenschaft, zumindest in Stoßzeiten gern mal außerordentliches Engagement zu verlangen. Das kann ich nicht bringen – nicht, wenn ich mir und meiner Familie halbwegs die geistige und körperliche Gesundheit erhalten will.
Das habe ich meinem Ex- und Vielleicht-bald-wieder-Chef gesagt – er will mich immer noch haben …

Und da sitze ich nun, und weiß nicht, wie ich mich entscheiden soll. Es täte verdammt weh, dieses Umfeld zu verlassen, dieses Produkt, dem ich mehr als ein Jahrzehnt meines beruflichen Lebens gewidmet habe, und in dem ich noch so viele Dinge hätte tun können … Und das alles für eine durchaus ungewisse Zukunft.

Allerdings merke ich, dass ich mich innerlich zu lösen beginne … ich ertappe mich ab und zu bei einem „Lohnt sich das noch?“-Gedanken.

Ich mag es nicht, Entscheidungen dieser Tragweite treffen zu müssen, insbesondere, wenn sie nicht nur mich, sondern auch andere Menschen, insbesondere meine Familie, betreffen. Die beste aller Ehefrauen steht hinter mir – ihr wäre in gewisser Weise natürlich lieber, wenn ich den (vermutlich) sichereren Job behielte, aber sie wird mich auch unterstützen, wenn ich wechsle. Trotzdem – falls es schief geht, und nicht nur ich, sondern meine Familie die Auswirkungen spürt – dann würde ich es hassen …

Vielleicht sollte ich es tun.

Vielleicht auch nicht.

Ich weiß es noch nicht.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Job veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Übergang

  1. Sommersprosse schreibt:

    Ach Locke,

    wenn ich in die Zukunft sehen könnte, könnte ich Dir auch raten. Ich leide da mit Dir, ehrlich! Auf der einen Seite soll Arbeit Spaß machen. Wenn sie es nicht tut, kann manchmal auch das zu Hause darunter leiden. Wie weit bist Du bereit da Kompromisse einzugehen? Auf der anderen Seite, wie könnte es weiter gehen, wenn die neue Firma den Bach runter geht? Im Umkreis gibt es doch bestimmt nichts weiter wo Du Dich dann bewerben könntest. Und würdest Du dann auch eine andere Arbeit annehmen wollen? Sagtest Du nicht auch, daß der Job in Deiner jetzigen Firma nicht s o sicher ist?
    Wie Eure Entscheidung auch ausfällt, ob sie richtig war stellt sich erst später heraus.

    Ich wünsche mir ganz doll, daß Du bzw. Ihr die richtige Entscheidung wählt !!!

    Alles Liebe und Gute
    Mutti

  2. große Schwester schreibt:

    Tu es! Wenn Dein Ex-Chef Deinen Hintergrund und Deine Bedenken hinsichtlich des „zur Verfügung Stehens“ kennt und Dich trotzdem haben will – Greif zu!! Deine Arbeit würde Dich zufriedener machen. Nutze die Chance auf neue Erfahrungen, entwickle Dich weiter, trau Dich was!!!! Und wenn die neue Firma tatsächlich nicht lange lebt …. so ein Könner wie Du kommt garantiert wieder woanders unter! Oder sehe ich das falsch? Diese Branche boomt doch und da gibt es immer was zu tun! Bleibst Du auf dem vermeintlich sicheren Arbeitsplatz unlustig hocken, bereust Du es später vielleicht! Du bist jetzt 37 Jahre alt –> wage den Neubeginn!! Du willst es doch?! Du freust Dich doch auf die Herausforderung?! Ich sage jaaa!

  3. Pingback: Frei | Besser so als anders

  4. Barbara schreibt:

    Klingt echt interessant!
    Vor allem, wenn man Deinen heutigen Artikel liest.
    Mut zur Veränderung !

    Schlaft gut
    Barbara

    • Ah, das hatte ich in dem anderen Artikel vergessen zu erwähnen: Die hier erwähnte Möglichkeit ist vor einer Weile … nun ja, theoretisch erst mal nur auf Eis gelegt worden (nach normalem Zeitplan hätte ich schon vor zwei Wochen gekündigt). Praktisch denke ich, das wird nichts mehr.
      Viele Grüße
      ‚Locke‘

  5. Pingback: Gewollt unbequem | Besser so als anders

Gib Deinen Senf dazu (nich' kleckern, hier is' wisch gefrischt!):

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s