Ausfluß

Wenn schon ich nicht klar komme mit diesem Leben, und jemanden bräuchte, der es mir erklärt und es mir einfach möglichst angenehm macht – um wieviel mehr mag das auf dieses kleine unschuldige Kind zutreffen?

Fühlt sie sich eigentlich abgeschoben, wenn ich sie ins Bett lege, ihr die üblichen Lieder singe, und dann gehe? Ich jedenfalls fühle mich manchmal fast schlecht an dieser Stelle. Zumal sie gerade abends immer wieder ein bisschen agiler wird, spätestens auf dem abendlichen Wickeltisch ist meist jede Menge Leben in ihr.

Aber natürlich ist das albern, ich habe auch ein Recht auf Freiraum, insbesondere Freiraum von Saskia, um die ich mich kümmere in gefühlt jeder Minute, die wir irgendwie zusammen sind. Also am Wochenende den ganzen Tag lang.

Vielleicht kam das schlechte Gefühl heute auch nur daher, dass ich vorher nicht besonders gut mit ihr klar kam.

Schreien hilft übrigens nichts. Saskia schaut mich einfach nur an, und es ist ihr so gar keine Regung anzusehen. Die leise und alberne und ungerechte und blöde und vor mir selber lieber gar nicht eingestandene Hoffnung, dass sie Dinge begreift – zum Beispiel, dass sie bitte nicht in den gerade frisch ausgespuckten Mageninhalt greift, während ich ein Tuch oder Lappen holen gehe -, wenn ich sie ihr entgegenschreie, erfüllt sich nicht. Und selber geht es mir dadurch auch nicht besser. Also kann ich es wohl lassen.

Weinen und Flennen helfen auch nicht. An einem dieser „Ich möchte nicht den Rest meines Lebens diese grenzdebilen Spiele machen müssen, auch wenn sie Saskia noch so sehr gefallen.“-Punkte überkam es mich. Saskia wollte mich dann zwar trösten, was sehr schön war, aber sie begriff das Ganze doch eher als weiteres Spiel, hatte ich den Eindruck. Tolles Spiel. Auch das möchte ich nicht allzu oft spielen.

Die beste aller Ehefrauen ist außer Haus, und kommt erst morgen wieder. Mir scheint, da fehlt ein Korrektiv für mich. Und ich sag‘ noch „Fahr‘, das ist wichtig, wir kommen auch mal einen Tag ohne Dich klar.“. Ja, kommen wir, aber dass mein Innenleben gerade so sehr auf der Kippe steht, das war mir vorher überhaupt nicht bewußt.

„Gute Nacht, kleine Maus, und schlaf‘ schön. Ich hab Dich lieb“ sage ich jeden Abend zu Saskia, bevor ich mit dem Schlaflied anfange (oder aus dem Zimmer gehe). Heute hing da ein „aber ich komm‘ nicht klar mit Dir.“ dran. Mist.

Apropos Schlaflied: Das zweite jeden Abend ist „Kein schöner Land.“ Mochte ich schon immer. Ich mag dunkle Lieder. Und zumindest so, wie ich es gelernt habe und singe (auch wenn der Text eigentlich überhaupt nicht dunkel ist), fällt es in diese Kategorie.

Schon bei den ersten Zeilen fragte ich mich, ob ich die vierte Strophe – die kenne ich erst seit ein paar Jahren, aus einem Liederbuch, dass wir extra zum Singen für Saskia gekauft hatten – wohl würde singen können. „… Der Herr im hohen Himmel wacht. / In seiner Güten / uns zu behüten / ist er bedacht.“

Meine ehrliche Meinung zu Gott? Lässt sich in einem Satz zusammenfassen. Falls er wirklich existiert, ist er ein Arschloch. Egal, was die beste aller Ehefrauen und ich getan haben mögen, um das zu verdienen (falls man an solche Dinge glaubt, was ich nicht tue) – dieses Kind, dass noch nicht alt genug ist, um irgendeine Schuld auf sich geladen zu haben – dieses Kind hat den ganzen Mist definitiv nicht verdient.

Nun ja, ich glaube nicht an Gott, dazu ist mir das ganze Konzept an vielen Stellen entschieden zu unlogisch. Aber manchmal fällt es schwer, Toleranz zu üben, und sei es nur einem unschuldigen Lied gegenüber.

Ich würde jetzt gern irgend etwas tun, was mir versichert, dass ich noch am Leben bin. Bin ich es? Nach welcher Definition von Leben? Ich atme noch, und die Reste der biologischen Definition sind, denke ich, auch erfüllt.

Ist Saskia am Leben? Jede mir einfallende Definition, die irgendeine Art von Lebensqualität einschließt, würde ich im Augenblick nur schwer anwenden wollen. Aber das mag nur meiner aktuellen Stimmung geschuldet sein.

Laufen geht leider nicht, obwohl es prima Wetter dazu wäre. Meinen Fuß würde ich ja ignorieren – es geht ihm schon wieder besser, und soll er doch selber sehen, wie er damit klarkommt, mir doch egal. Aber da ich wie erwähnt allein bin mit Saskia, kann ich nicht weg.

Aus dem selben Grund fällt auch das Fitness-Studio weg. Auch schade, mich auf einen Fahrrad-Trainer zu hängen und bis zur totalen Erschöpfung zu treten – das hätte mir jetzt gefallen.

Eigentlich war seit einigen Wochen für heute eine Tanznacht geplant. Das bedeutet, dass ich nach einer Nacht auf der Tanzfläche irgendwann zwischen 3 und 4 wieder zu Hause bin, meist mit Beinen, die bei jedem Schritt protestieren, und mich einfach nur fantastisch fühle.

Aus Gründen, die gut und richtig und wichtig sind, hatte ich das abgesagt. Es war ein ziemliches Hin und Her, und ich schwankte mehrmals zwischen der Vorfreude auf diesen Abend, und der Enttäuschung, ihn doch nicht wahrnehmen zu können. Schon das war nicht wirklich toll.

Nachdem die beste aller Ehefrauen nun spontan weg fuhr heute nachmittag, hatte ich überlegt, es wieder anzusetzen. Leider kann ich für Saskia nicht einfach einen Babysitter von der Stange nehmen. Selbst wenn ich es könnte, wäre es denen wohl auch zu spontan gewesen, genauso wie unserer „richtigen“ Babysitterin, und einer, die ich als Ausweichmöglichkeit noch anrief.

Es hätte geholfen, glaube ich. Wenn ich jetzt los ginge, käme ich noch rechtzeitig hin … nur Saskia fände das wohl eher nicht lustig. Mist Mist Mist.

Diese beschissenen Apologeten der „Heutzutage muß man flexibel sein“-These. Ich will ja nicht wirklich behaupten, dass alle Generationen ihr Leben immer an einem Fleck verbringen müssen. Aber macht sich eigentlich mal einer dieser Idioten klar, wie wichtig Familie eigentlich ist? Und damit meine ich nicht die „Kernfamilie“ Mann+Frau+Kind(er), sondern die Großfamillie. Wie oft habe ich, seit wir 500 Kilometer von allen Verwandten entfernt wohnen, schon gedacht, dass man die Wichtigkeit ihrer Nähe doch sehr unterschätzt – bis man sie dann nicht mehr hat.

Und nein, das gilt nicht nur, weil ich heute nicht mal eben eine von Saskias Omas anrufen und um ein Babysitten bitten konnte, damit ich tanzen gehen kann – das gilt schon lange, und das galt auch schon vor Saskias Epilepsie.

Sind wir ehrlich: Familie nervt. Eigentlich nerven alle Menschen. Menschen zwingen einen dazu, durch ihre bloße Anwesenheit, Kompromisse zu machen. Kompromisse zwischen dem, was man gern tun oder sagen oder lassen würde, und dem, was sinnvollerweise gesellschaftlich akzeptabel ist.

Aber ohne andere Menschen, und ohne Familie, das wäre und ist auch nicht wirklich schön. Schon irgendwie blöd, dass die Natur uns als soziale Wesen erfunden hat.

Was mach‘ ich jetzt? Schlafen gehen will ich noch nicht. Das läßt mich mich bestimmt nicht lebendig fühlen, und es verkürzt nur die subjektive Zeit bis zum morgigen Tag, an dem ich versuchen muß, wieder besser klarzukommen mit Saskia und ihrer nicht vorhandenen Körperbeherrschung und ihren ewig-gleichen Spielen und ihrem Nicht-oder-undeutlich-Sprechen und ihrer Ignoranz dem von mir Gesagtem gegenüber und ihrer Apathie.

Was mich schon immer fertig gemacht hat, sind Menschen, die Argumenten nicht zugänglich sind. Also, abgesehen von der Tatsache, dass man selber natürlich immer Recht und alle anderen Unrecht haben – mit jemandem zu diskutieren, und ihn entweder zu überzeugen, oder überzeugt zu werden, oder auch nur festzustellen, dass alle Argumente ausgetauscht sind, man aber auf keinen gemeinsamen Standpunkt kommen kann – das ist es, was Menschen letztendlich erträglich macht: Dass man über alles reden kann.

Mit Saskia kann ich nicht reden. Saskias Geist weilt irgendwo zwischen 2 und 3 Jahren, und die Hoffnung, dass er sich irgendwann signifikant weiter entwickeln könnte, habe ich schon lange aufgegeben.

Wie soll ich ein Leben ertragen, in denen diese beiden Tatsachen zusammen existieren?

Na klar ist Saskia trotzdem das süßeste Kind der Welt. Aber diese Aussichtslosigkeit ihres Lebens, und damit auch des meinen, macht mich fertig.

Und ich weiß immer noch nicht, was ich jetzt mache.

Mich in meinem Blog auszukotzen hilft ein bisschen, glaube ich, aber damit bin ich ziemlich durch. Und lebendig fühle ich mich immer noch nicht.

Ich könnte arbeiten. Lohnt sich das? Ich denke im Augenblick ernsthaft darüber nach, das Angebot für einen anderen Job anzunehmen. Was bedeutet, dass ich mir permanent die Sinnfrage stelle bei allem, was ich für den aktuellen Job tue. Wenn ich wenigstens das Gefühl hätte, dass die Firma loyal gegenüber ihren Mitarbeitern ist, dann fiele es mir auch leichter, loyal gegenüber der Firma zu sein. Im Augenblick ist das eher nicht gegeben.

Und mit etwas subjektiv Sinnlosem will ich meine Zeit jetzt eigentlich nicht verbringen.

Wie gesagt, eigentlich bräuchte ich Adrenalin – intensive körperliche Betätigung irgend einer Art. Vielleicht sollte ich ein paar Zimmertüren hier im Haus eintreten? Schit.

Habe fertig. Danke fürs Lesen bis hierher. Und nein, eigentlich will ich keine Kommentare dazu.

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