Respekt

Ich hasse es, wenn mich fremde Menschen duzen. Radio-Sender, bei denen alle Zuhörer pauschal geduzt werden, finde ich ziemlich zum Kotzen. Wildfremde Menschen, gern zum Beispiel Handwerker, die mich duzen, bekommen spontan Minuspunkte.

Für mich hat es etwas mit Respekt zu tun, fremde Menschen zu siezen. Wenn wir uns gut genug kennen, oder auch nur mögen, oder beides – dann darf es gern ein Du sein. Ansonsten möchte ich bitte gesiezt werden, und sieze auch zurück – wie gesagt, irgendwie eine Frage des Respektes.

Und nein, ich bin mir im Augenblick nicht sicher, wie es da hinein passt, dass hier, zum Beispiel in den Kommentaren, alle mit „Du“ angeredet werden. Das hat wiederum nichts mit mangelndem Respekt zu tun – ich glaube, dass meine Einstellung gegenüber den Umgangsformen sehr vom transportierenden Medium abhängen – „virtuelle“ Gemeinschaften im Internet neigen viel eher zum Du, und deswegen habe ich das wohl von Anfang an hier übernommen, ohne darüber nachzudenken. Außerdem ist es schwer, Menschen zu siezen, die sich mit ihrem Vornamen vorstellen 🙂

Nun ja – um das mal zusammenzufassen: Im realen Leben, von Angesicht zu Angesicht, ist es für mich eine Frage des Respektes, dass ich fremde Leute mit „Sie“ anrede – und diese mich ebenfalls. Legitimerweise mögen das andere Leute anders sehen, und im virtuellen Leben sehe ich das ebenfalls anders – aber das ist hier nicht der Punkt.


Gestern waren wir unterwegs, im … nun ja, die beste aller Ehefrauen wollte drüben bei sich noch etwas schreiben dazu. Ist auch egal, wo konkret.

Kurz hinter dem Eingang sprach mich ein junger Mann (Mitte 20?) an – eindeutig, wie meine Tochter, auch mit, hmm, einer sehr eigenen und ungewöhnlichen Sicht auf die Welt. Behindert, mit anderen Worten. (Hmm. Das ist keine Äquivalenz.)

Wie alt Saskia sei? (5) Ob sie auch behindert sei? (Ja.) Ob wir aus der großen Stadt kämen? (Nein) Wo wir wohnen? (In der kleinen Stadt.) In welche Schule sie gehe? (In keine – noch in den Kindergarten.) In welchen Kindergarten? Ob das ein Integrationskindergarten sei?

Noch ein paar Dinge dieser Art – ich habe sie mir nicht alle gemerkt, aber brav beantwortet. Das Gespräch beendete sich dann irgendwie – ich gebe zu, ich war nicht beliebig begierig, es fortzuführen -, als wir weiter gingen.

Eine halbe Stunde später sahen wir uns wieder – und das Gespräch ging weiter. Nun ja, was heißt Gespräch – auf meine Gegenfragen à la „Warum?“ ging er nicht ein.
Da kam auch nochmal die Frage nach unserer Herkunft. Ich weiß nicht mehr, wie die Formulierung war – „Wo kommt Ihr her?“ – „Wo kommen Sie her?“ – keine Ahnung.

Meine Antwort war: „Das hast Du vorhin schon einmal gefragt.“.

Ich merkte schon im selben Augenblick, dass dieses „Du“ genau das war, was es für mich immer bedeutet – mangelnder Respekt.

In unseren Blogs (nenn‘ ich jetzt mal so) ist immer die Rede von besonderen Kindern, oder auch besonderen Menschen, wenn es um unsere behinderten Kinder, oder eben allgemein um Menschen mit Behinderungen geht. Scheint nicht besonders tief in mir verwurzelt zu sein, dieses Begreifen als Besonderheit.

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7 Antworten zu Respekt

  1. Bestimmt hast Du anschließend versucht den Fehler wieder gut zu machen.

    Hier in der Nähe ist doch ein Heim für betreutes wohnen. Die Menschen da würden es sicherlich ganz unterschiedlich empfinden, das Du oder Sie. Wenn man mit Sie angesprochen wird, sollte man auch so sein Gegenüber ansprechen. Da kommt auch mal die Frage nach der Uhrzeit oder Busverbindung. Aber immer sehr höflich und auch mit: Sie.
    Übrigens, ich hasse es auch an der Arbeit mit Du angesprochen zu werden von wildfremden Menschen, z.B.:
    Habt ihr…. ?

    Eine gute Nacht Euch allen
    Mutti

  2. Carolin schreibt:

    Lieber Locke,
    grämst du dich jetzt, weil Du Ihn geduzt hast ?
    Das ist doch ein förmlicher Ausdruck von Respekt, dein ganzes Nachdenken über diese Situation.
    Saskia ist 5. Er, der geduzte, ist ca. 25. Du musst „damit“, d.h. mit seinem Anderssein, noch nicht klarkommen, das ist nicht so schlimm – hast genug mit Saskia zu tun. In 20 Jahren wirst du eine Reaktion Ihnen gegenüber haben, die dich nicht mehr zum Grübeln bringt.
    Kommt Zeit, kommt Rat. Wir wachsen alle !

    LG Carolin
    (die deine beste Ehefrau virtuell von woanders her kennt und regelmässig bei euch liest)

    • Ob ich mich jetzt im Augenblick gräme – weiß ich nicht. Es war erst mal eine Selbstbeobachtung – wie mir an dieser Stelle etwas, was ich bei anderen überhaupt nicht leiden kann, und eben mit mangelndem Respekt verbinde, selber passierte.
      Und doch, ein wenig bringt mich das auch dazu, über mein Verhältnis zu Saskia, und zu ihrem Anderssein, nachzudenken. Wie ich Saskia gegenüber stände, wenn sie nicht meine Tochter wäre.
      Viele Grüße
      ‚Locke‘

  3. Hesting schreibt:

    Ich glaube schon, daß es zur Gewohnheit werden kann, andere Menschen zu duzen.
    Ich denke, ich kann das ganz gut trennen, kenne aber mindestens drei Leute, die sich damit schwertun.

    Ein anderer Punkt: als ich mit Mitte 20 mein Studium angefangen habe, meinte eine Freundin, die damals fast so alt war wie ich jetzt, die Erstsemester als Kinder bezeichnen zu müssen. Heute geht es mir ähnlich. Da würde mir dann womöglich auch eher ein „Du“ herausrutschen.

  4. Roland schreibt:

    Guten Morgen zusammen,
    verbal Respekt auszudrücken fängt bei fremden Menschen nun einmal mit „Sie“ an. Da gibt es im deutschen Sprachraum keine Alternative. Wenn ich beim ersten Zusammentreffen mit Anderen geduzt werde, ignoriere ich das geflissentlich und bleibe hartnäckig bei dieser distanzierenden Anrede. Das funktioniert einerseits gut, auf der anderen Seite bringt mir das hin und wieder den Ruf der Unnahbarkeit und ggf. Überheblichkeit ein. Das ist mir aber „Wurscht“. Ob behindert oder nicht, klug oder beschränkt, alt oder jung (bei jung gibt es da sicher eine Untergrenze, die aber individuell deutlich verschieden sein kann), schön ode hässlich, arm oder reich, oder sonstwie unterschiedlich, ist vollkommen egal. Die erste Anrede fängt mit „Sie“ an. Entweder es bleibt dabei oder wandelt sich bei gegenseitigem Einverständnis zum „Du“. Man darf allerdings das angebotene „Du“ auch ablehnen, ohne missverstanden zu werden. Es gibt Menschen, mit denen ich jahrelang auf Augenhöhe zu tun habe und nach wie vor sieze. Das funtioniert wunderbar.
    Alles Gute für Euch
    Pero

  5. Pingback: Arbeitsintensiv | Besser so als anders

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