Gedanken nach dem Sommercamp

So, der Lagerkoller ist vorbei (war er schon innerhalb der letzten Woche wieder). Und ich schulde mir und der Leserschaft ein Fazit. Vorsicht, das wird lang!

Alles von dem, was ich in dem Rant kürzlich schrieb, meine ich noch so (vielleicht bis auf die Aussage, dass es für mich persönlich eine Woche verlorene Lebenszeit war) – auch wenn dem Artikel vielleicht der Untertitel „Eine Polemik“ gut zu Gesicht gestanden hätte. Trotzdem wird das hier ein klein wenig differenzierter.

Gute Absichten

Ich werde unten von „Verdummung“ reden. Insofern sollte ich eines vielleicht vorrausschicken: Ich will gar niemandem unterstellen, dass die Verdummung der Menschen bewusst und bösartig passiert. Ich glaube, dass die Leute glauben, was sie erzählen. Meist jedenfalls.

Ich glaube sogar, dass die (meisten der?) Heiler und Therapeuten ehrlich bemüht waren, den Teilnehmern zu helfen. Letztlich ist das ja das erklärte Ziel der Camps: Hilfe für Menschen in einer speziellen schwierigen Situation. Und das nehme ich ihnen sogar ab. Ich bin bereit, diesen Menschen beliebig viel Altruismus und Nächstenliebe zu unterstellen. Aaaaber

Plus …

Fangen wir mit der positiven Seite des Fazits an: Das Treffen mit „Leidensgenossen“, denen man viele Dinge nicht erst lang und breit erklären muss (weil sie sie selber wissen und kennen), mit denen man sich über das unterhalten kann, was nun mal einen Großteil der eigenen Gedankenwelt ausmacht, nämlich das eigene behinderte Kind – das hat was. Das muss wohl ein tief sitzendes Bedürfnis des Wesens „Mensch“ sein, dieses Suchen der Nähe zu Leidensgenossen … Ich selber bin nicht sonderlich sozial, ich brauche eine Weile, bevor ich Kontakte schließe, und insofern wusste ich diesen Aspekt des Ganzen wohl erst zum Ende hin wirklich zu schätzen 🙂

Abgesehen davon: Doch, im Schwarzwald kann man prima Urlaub verbringen, wenn denn das Wetter mal stimmt, was es bei uns dann auch irgendwann tat …

… und Minus

Leider gibt es eben auch die negative Seite, die mir dann am Dienstag den Lagerkoller verschafft hatte. Und das ist die Verdummung der Menschen. Das ist ein hartes Wort, aber ich meine es genau so: Verdummung.

Um das mal an meinem schlimmsten Erlebnis zu illustrieren: Es gab fast jeden Abend einen Vortrag eines der Heiler oder Therapeuten, zu diversen esoterischen Themen. Ich nahm selten teil, weil der Anfang sich immer überschnitt mit dem Ins-Bett-Bringen von Saskia. Am Donnerstag aber habe ich einen vollen Vortrag erlebt, und er war einfach nur schauerlich. Das Hören einiger der Dinge tat mir wirklich körperlich weh …

Der Vortragende war ein Wünschelrutengänger. Und was dann in den zwei Stunden alles an Unsinn auf die Zuhörerschaft losgelassen wurde, von links- und rechtsdrehendem Wasser (das aber beim Austritt an die Oberfläche immer rechtsdrehend wird), vom Gedächtnis des Wassers (das die Informationen all der Dinge, mit denen es in Berührung kam, aufnimmt), und dergleichen mehr – das war unterirdisch.

Dazu kamen diverse Taschenspieler-Tricks wie zwei Bananen, eine Bio, eine „normal“, bei denen die Wünschelrute also einmal ein negatives „feinstoffliches Feld“ anzeigte, und einmal ein positives – wohlgemerkt in einem „Test“, in dem von vornherein klar war, was heraus kommen muss.1

Fragen während des Vortrages wurden mehrfach nicht wirklich beantwortet, sondern weggelabert.

Irgendwann erzählte ein Zuhörer, dass er vor dem Bau eines Hauses einen Wünschelrutengänger nach Wasseradern hat suchen lassen, der auch eine fand, und die mittels 3000 m³ Drainage-Kies umgeleitet wurde. Eine Weile nach Fertigstellung des Hauses hat er spaßeshalber nochmal suchen lassen, und es gab das selbe Ergebnis – als wenn also die Wasserader noch da war! Die Frage, wie das sein könne, wurde ca. 10 Minuten diskutiert (mit Argumenten, die zum Beispiel, logisch zu Ende gedacht, bedeutet hätten, dass das ganze Gebiet auch vor dem Hausbau schon ein einziger See hätte sein müssen).
Und spätestens an diesem Punkt kam das, was ich wirklich nur mit „Verdummung“ beschreiben kann: Wenn man die abstrusesten Theorien aufstellt, um eine Erklärung zu finden, aber niemand auch nur annähernd in Erwägung zieht, dass vielleicht einfach die Voraussetzung nicht stimmt, dass also Wünschelrutengehen nicht funktioniert! – und wenn dann noch hinterher alle im Publikum nicken – dann ist das Verdummung. Heiße Luft, die dazu benutzt wird, den Leuten das Denken abzugewöhnen, und sie Unsinn glauben zu lassen.

Nun mag es sein, dass ich gerade den schlechtesten Vortrag erwischt hatte. Die beste aller Ehefrauen, die auch andere gehört hat,  jedenfalls behauptet das. Und ich glaube es sogar: Andere der Heiler machten einen deutlich wortgewandteren Eindruck, deren Vorträge wären vermutlich nicht so plump gewesen. Trotzdem habe ich von denen Dinge gehört, die mit etwas mehr Nachdenken ebenfalls, nun, eher unwahrscheinlich sind. Jedenfalls in meinem Weltbild.

Ein Beispiel dafür ist die Behauptung „Der Geist ist stärker als die Gene.“. Tut mir Leid, die Geschichte von dem Mann, der auf einer Reptilienfarm aufwuchs, und beim Verlust seines Beines dieses einfach nachwachsen ließ, weil er nachwachsende Reptilien-Schwänze kannte, und einfach nicht wusste, dass Beine nicht nachwachsen können – das halte ich für eine alberne Urban Legend.

Und wenn ich höre, dass es Gendefekte gibt, die bei bestimmten Tieren bestimmte Krankheiten verursachen, diese Krankheiten aber nicht bei allen Tieren ausbrechen – dann schließe ich daraus, dass man das Wesen dieser Gendefekte und Krankheiten einfach noch nicht gut genug verstanden hat, und es noch andere, unbekannte Faktoren gibt. Andere schließen daraus, dass der Geist stärker ist als die Gene …

Das scheint mir im Übrigen ein wiederkehrendes Muster zu sein: Wenn man keine Erklärung hat, dann postuliert man irgend etwas mit Geist oder Energie oder …

Und das ist ein ganz wesentlicher Unterschied zu einem seriösen Herangehen: Wenn man keine Erklärung hat, dann sollte man eine Theorie aufstellen, und versuchen, diese Theorie zu beweisen oder zu widerlegen. Was in der Esoterik passiert, ist das Aufstellen einer Theorie, und das Umbenennen in „Tatsache“. Ab diesem Punkt nimmt man dann einfach als gegeben an, dass die Theorie stimmt, und baut darauf ein riesiges Gebäude auf.

Dieses Muster – Unbekanntes wird mit irgendeinem Begriff „erklärt“, ohne plausibel darzulegen, wie man zu dieser „Erklärung“ kommt, oder auch nur einen Fehler in dieser „Erklärung“ in Betracht zu ziehen – sollte man sich meiner Meinung nach klarmachen. Mir scheint, dass man es in der Esoterik recht oft findet, wenn man nur mal danach Ausschau hält …

Fließende Übergänge

Das Blöde ist: Es gibt eine Menge Wahres, was einem die Heiler und Therapeuten erzählen.

Der Wünschelrutengänger zum Beispiel hatte einen Abschnitt, in dem er sich über die Haltungsbedingungen von Schlachtvieh ausließ – definitiv ein Thema, über das nachzudenken sich lohnt.

Von anderen kamen immer dann unbestreitbare Wahrheiten, wenn es ins Psychologische ging. Ein behindertes Kind ist ganz sicher eine Belastung für die Familie, sowohl auf einer physischen, als auch auf einer psychischen Ebene – zum Beispiel, weil der Lebensentwurf plötzlich massiv geändert wurde. Wie man mit diesen Belastungen umgeht – das ist auch ein psychologisches Thema – und wann immer das Gespräch darauf kam, habe ich eine Menge Dinge gehört, die ich problemlos unterschreiben würde.

Aber die Übergänge zwischen Wahrheit und Mumpitz sind fließend. In einem guten Gespräch kann man ganz schnell bei kosmischen Energien und dergleichen landen, und dann werden Dinge wieder mit etwas erklärt oder begründet, was völlig aus der Luft gegriffen ist.

Und nun?

„Gedanken im Sommercamp“ hatte einige Popularität – hey, ich wurde im Esowatch-Forum verlinkt, schaffte es bei WordPress in die „Growing Blogs“-Sektion der „Blog of the Day“-Liste, und die Zugriffsstatistik für den Mittwoch war für einen zwanghaften Statistik-Fan wie mich einfach der pure Wahnsinn 🙂 (den ich leider nie nie wieder werde übertreffen können). Insofern mag es sein, dass jemand aus dem Veranstalter-Team den Artikel lesen wird – und dann werden wir wohl nicht wieder eingeladen werden 🙂

Andererseits: Im Augenblick denke ich, ich will da auch gar nicht wieder hin. Ich würde durchaus gern nochmal mit den Teilnehmern irgendwo ein paar Tage Urlaub machen, und in unserem gemeinsamen Schicksal schwelgen. Aber ich möchte mich nicht mitschuldig machen an dem Verbreiten groben Unsinns, das in diesen Sommercamps passiert.

Falls ich also nicht bis nächstes Jahr den einen oder anderen Rhetorik-Kurs erfolgreich abschließe, und ein grandios gestärktes Selbstbewusstsein in der Diskussion mit scheinbar überlegenen Geistern entwickelt habe, so dass ich die ganze Woche lang dagegen argumentieren könnte – so lange sollte ich da wohl nicht wieder hingehen.


1Ich habe mit mir gekämpft, ob ich frage, ob wir das auch mal in einem Doppelblindtest machen können. Also ein Test, wo weder die testende noch die getestete Person bei einer Probe vorher wissen, wie das Ergebnis aussehen muss. Rückblickend bin ich froh, es nicht getan zu haben: ich hatte noch nie darüber nachgedacht, was die spezifischen Anforderungen an einen solchen Test sind, und meine imaginierte Versuchsanordnung im Lauf der folgenden Stunden mehrfach verfeinert, weil ich immer noch Fehler entdeckt hatte. Irgendwann am nächsten Tag hatte ich dann einen Plan für einen Test, der, denke ich, wasserdicht gewesen wäre.

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Eine Antwort zu Gedanken nach dem Sommercamp

  1. Hesting schreibt:

    Ich muß grad grinsen, weil ich das Detail, daß der Wünschelrutengänger über Schlachthöfe spricht, für absolute Bauernfängerei halte. (Nein, ich hab nix gegen Bauern und ich will auch keinem Bauer mangelnde Intelligenz unterstellen — doofe Redewendung, aber mir fällt kein passenderer Begriff ein.)

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