Fetter Unsinn

Da nutze ich doch Elisabeths jüngsten Artikel mal als Aufhänger …

Sagte ich schon, dass mich dieser „Ideal“-Figur-Wahn ankotzt? Macht sich eigentlich jemand klar, was man den Menschen damit antut, dass man ihnen permanent einredet, wie unvollkommen sie sind? Das betrifft nicht nur, aber in besonderem Maße die körperlichen Attribute. Und es betrifft nicht nur, aber in besonderem Maße unsere Kinder – wer gerade seinen Platz im Leben zu finden versucht, ist halt besonders anfällig für derartigen „Du bist zu dick!“-Schwachsinn (und all seine Artverwandten, denn es gibt ja viele Formen des „Irgendwas an Dir ist zu irgendwas“ – „dick“ ist nur das häufigste Beispiel, und eines der perfidesten dazu).

Wenn ein … nah verwandtes junges Mädchens nicht schon vor Jahren immer wieder mit großer Beiläufigkeit Dinge wie „Iss nicht so viel!“ oder „Hihi, Du hast ja einen Bauch!“ oder „Reicht dann auch langsam mal, was Du da in Dich rein isst!“ oder dergleichen von ihrer Umgebung gehört hätte (völlig unmotiviert, wie die beste aller Ehefrauen und ich schon damals fanden) … dann wäre sie vielleicht nicht magersüchtig geworden, und ihr und ihrer Familie wäre ein Haufen Leid und Stress und Ärger erspart geblieben. (Aber vielleicht wäre es trotzdem so gekommen, wie es gekommen ist – es gibt ja noch mehr Einflussfaktoren als das unmittelbare familiäre Umfeld, nicht nur dessen Gedankenlosigkeit.)
Inzwischen ist das Problem, soweit ich weiß, halbwegs gelöst – aber wieviel Sinnvolleres hätten alle Beteiligten mit diesen Monaten (Jahren?) ihres Lebens anfangen können!

Vor einer Weile stieß ich auf My Body Gallery. Der Untertitel der Seite ist „Wie reale Frauen aussehen“. Ich mag die Idee dahinter: Ganz normale Frauen laden Bilder von sich hoch, und jeder kann sich diese Bilder anschauen – und feststellen, dass Frauen im realen Leben O-Beine, Cellulite, dicke oder dünne Beine, große oder kleine Hintern, schiefe Augen, dicke Arme, große oder kleine Brüste, schlechte Zähne, oder irgendein beliebiges anderes Attribut haben, das man merkwürdigerweise bei all den Frauen in der Werbung nie sieht. Man sieht aber eben auch, dass Frauen trotz all dem schön und attraktiv sein können. (Ich persönlich finde ja sowieso, dass das Lächeln einer Frau oftmals deutlich mehr zu ihrer Schönheit beiträgt als Körpermaße, Makeup, Kleidung, Frisuren.)

Dass Frauen (oder auch Männer) in der Werbung nicht die Realität widerspiegeln, ist, denke ich, eine Binsenweisheit, die viele Menschen unterschreiben würden. Aber es lohnt sich, finde ich, sich klarzumachen, wie weit sich dieses Bild des angeblich perfekten Menschen inzwischen von der Realität entfernt hat – und dabei hilft die oben genannte Seite.

(Ich hab‘ nicht wirklich eine Linksammlung zu diesem Thema, aber einer fällt mir noch ein: Anne von Annalist schrieb vor ein paar Monaten auch darüber, den des Englischen Mächtigen möchte ich diesen Beitrag empfehlen.)

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6 Antworten zu Fetter Unsinn

  1. Graugrüngelb schreibt:

    Dankeschön!

    Das Folgende schreibe ich mal hier, weil ich vom Laptop aus bei Elisabeth gerade nicht kommentieren kann.

    Ich bin ja selbst dick, aber um so mehr stören mich diese Sprüche – gerade dann, wenn sie junge Menschen zu hören bekommen, die völlig normalgewichtig (aber eben nicht DÜRR sind).

    Bitte, liebe Susanne, lass dir so etwas nicht einreden! Niemals.

    Im Zweifel halte ich es da mit den WiseGuys: „Das Leben ist zu kurz für Trennkost und Diät, bis du die Top-Figur hast, ist schon alles zu spät.“

    Du bist nicht dick!

  2. Sommersprosse schreibt:

    Gehe doch mal mit offenen Augen durch die Stadt, wieviele Menschen nicht nur übergewichtig sondern dick sind, auch Kinder. Ich denke, man soll schon ein wenig darauf achten, dass ein Kind nicht ständig mehr ißt wie die Erwachsenen, sicher ab und zu, und wenn sie wachsen sowieso, aber nicht permanent. Sicher ist es auch eine Frage, wie man es dem Kind vermittelt.
    Es ist aber nicht raus, was der Auslöser war.
    Aber da waren wir ja noch nie einer Meinung.

    Die Bemerkung der Verkäuferrin war unüberlegt und dumm.

    Trotzdem hast Du Recht, dass diese angeblichen Schönheitsideale großen Schaden anrichten und völlig haltlos sind. Es gibt jede Menge Leute, die haben lieber „wAS“ in der Hand . 🙂

    Eine gute Nacht
    Mutti

    • man soll schon ein wenig darauf achten, dass ein Kind nicht ständig mehr ißt wie die Erwachsenen

      Nein – man sollte darauf achten, dass ein Kind kein ernstes Gewichtsproblem bekommt. Wieviel es isst, ist egal. Das sind nämlich schon mal zwei verschiedene Dinge, potentiell jedenfalls. Wer kennt sie nicht, die Menschen, die essen und essen und essen, und trotzdem dürre Heringe sind – warum auch immer?

      Abgesehen davon: Man sollte auch einem Mädchen im Teenager-Alter, das eine leichte Wölbung zwischen Brust und Unterleib hat, nicht dauernd erzählen, dass sie einen Bauch hat und dick sei. Dick ist anders, deutlich anders! Gerade jungen Menschen und wohl insbesondere Frauen sollte man Gelegenheit geben, selbst zu sich zu finden. Dabei würde es helfen, ihr Selbstbewußtsein zu stärken, damit sie in der Lage sind, selber Urteile zu fällen – statt ihnen die Urteile schon vorzugeben.
      Sicher sollte man sollte sie bremsen, und auf Probleme aufmerksam machen, bevor die richtig ernsthaft werden – aber man sollte ihnen die Probleme nicht einreden, wenn sie noch gar nicht entstanden sind.

      Nein, verdammt nochmal – viele, die heutzutage „dick“ genannt werden, tragen diese Bezeichnung völlig zu Unrecht! Das trifft, und davon bin ich überzeugt, nicht nur auf die völlig willkürliche Definition „Übergewichtig ist man ab einem BMI von 25“ zu, sondern auch auf das Empfinden vieler Menschen, die, von der Werbung versaut, schon beim kleinsten Anzeichen von Nicht-Muskel-Masse von „dick“ reden. Das hat nichts mit „lieber was in der Hand haben“ zu tun – das hat zu tun mit verschobener Wahrnehmung und völlig unrealistischer Vorstellung davon, wie verschieden und doch normal Menschen nun mal sind.

    • Eins noch: Ja, manche Leute sind wirklich dick. Na und? Auch das ist nicht per se ein Problem. Ich war auch mal dick, ich hatte 20 Kilo mehr als jetzt. Wichtig ist, wie man sich dabei fühlt. Nicht jedem, der dick ist, geht es schlecht – manchen schon. Nicht jedem, der dünn ist, geht es gut – manchen schon. Soll jeder so glücklich werden, wie es ihm beliebt – ohne, dass die Umwelt ihn in irgendwelche Schubladen presst.
      Sorgen machen (und Hilfe anbieten) sollte die Umwelt nur, wenn jemand unglücklich ist – nicht dann, wenn diese Umwelt etwas entdeckt, von dem sie denkt, dass man dadurch vielleicht unglücklich wird (und eben dieses Unglück vielleicht genau dadurch herbei redet).

  3. Elisabeth schreibt:

    Susanne hat nun auch nochmal all die Antworten durchgelesen. Ich hoffe sehr, dass es bei so einem doch noch jungen Mädchen die Gedanken in die richtige Richtung bringt…es war nicht das erste Mal, leider ist das schon den ganzen Sommer immerwieder ein Thema. Ständig hört sie „isst Du zuviel? Hast Du zugenommen?“…und es blieb hängen bei ihr. Aber das waren Freunde, der grosse Bruder…da hat sie dann doch immer selber Antworten gegeben. Gestern kam echt „niee find ich ein Dirndl, die Verkäuferin hat schon Recht …“
    Gestern Abend hat sich das dann bei mir umgedreht…ich hab schon das Gefühl bekommen, dass ich so ein negativ-Vorbild für sie bin, dass es nun ganz schief läuft.
    Da haben mir nun Deine Zeilen und die Antworten wieder geholfen. Leider haben wir bei zwei Mädchen im näheren Umfeld die ersthaften gesundheitlichen Folgen der Magersucht mitbekommen. Und nur Eine hat es nach 6 Jahren, nun erwachsen, geschafft einigermassen normal zu essen, zu leben. Es war sehr schlimm bei einem Mädchen fast das Verhungern mitzubekommen. Normalerweise bin ich nicht gleich so laut wie gestern…aber der Stil der Verkäuferin war selber so, ich konnte nur auf ihre Art antworten. Heute findet es Susanne selber schon eher lustig, weil ich so „ganz wild“ diskutiert habe…
    Ich habe eine sehr glückliche gute Bekannte .. sie ist kugelrund….Schon 66 Jahre alt….an sie muss ich bei solchen Themen immer denken. Um sie muss man sich auch keine Sorgen machen. Sie geht ins Schwimmbad und hat einfach Spass mit den Enkelkindern. Irgendwie strahlt sie was aus…fast keiner meckert an ihr rum. Das soll nun nicht heissen, dass Susanne nicht richtig ernährt wird und falsch oder viel zu viel essen darf. Aber eigentlich isst sie von alleine einen Apfel oder sagt, dass sie am Abend keinen grossen Hunger hat … weil sie noch vor einer Stunde beim Eisessen war. Es scheint gut zu laufen, sie weiss selber was ihr gut tut….und ich hoffe sehr, dass dieses gesunde Verhalten nicht von aussen gestört wird.
    So, und nun werde ich frühstücken….der grosse Sohn ist da und isst mir grad alles weg…
    Elisabeth

    • Graugrüngelb schreibt:

      Was mir dazu noch einfällt: Ich bin seit fast 10 Jahren in einem Internet-Forum aktiv, in dem sich ausschließlich dicke Frauen tummeln (Anmeldebedingung: BMI über 30). Relativ viele erzählen, dass sie schon als völlig normalgewichtige, aber eben nicht dünne Kinder von den Eltern (meist den Müttern) auf Diät gesetzt wurden, um ein paar Kilo abzunehmen. Die Umwelt und die Werbung tun ihr Übriges dazu. Bei der ersten Diät klappt es vielleicht noch mit der Abnahme, aber bei der bleibt es eben nicht. Es folgen mehr Diäten, Fressanfälle, Jojo-Effekt, kaputter Stoffwechsel. Das sind dann die jungen Frauen, die mit Anfang 20 über 100 kg wiegen. Andere rutschen in die Magersucht – aber die sind nur in Ausnahmefällen in diesem Forum aktiv (ein paar gibt es aber auch).

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