Krampfhafte Normalität

Basteln auf Kommando ist nicht wirklich spaßig. Heute war im Kindergarten Laterne-Basteln angesagt, für den alljährlich stattfindenden Laternenumzug in einem Monat. Die Eltern sind dazu immer eingeladen, um ihrem Kind zu helfen.

Ich sag‘ mal so: Am einfachsten war es in den Phasen, in denen Saskia sich nicht fürs Basteln interessierte, sondern irgendwo spielte. Wenn sie mitmachen wollte, war ich damit beschäftigt zu verhindern, dass sie mit der Schere irgendetwas zerstörte – im harmlosen Fall die Noch-Nicht-Laterne, im weniger harmlosen ihr Auge. Stellenweise wollte sie nicht mitmachen, saß aber trotzdem mit dabei – was bedeutete, dass ich ein bis zwei Hände zu wenig zum Basteln hatte.

K. sagte irgendwann zum Schluss, dass das letztendlich sowieso immer die Eltern (oder Erzieher an Stelle der nicht anwesenden Eltern) machen – für die Kinder sei es halt teilweise wirklich zu schwer. Und diese Aussage galt für ein gesundes Kind …

Saskia hatte praktisch nichts zu dem Endergebnis beigetragen (wir sind nicht ganz fertig geworden, den Rest macht K. nächste Woche, wenn Saskia nicht da ist), ich selber kenne spannendere Dinge als das Basteln einer Schmetterlings-Laterne, und ich glaube nicht, dass Saskia später die Verbindung zwischen diesem Bastelnachmittag und der fertigen Laterne in ihrer Hand herstellen wird.

Insofern, ich geb‘ es zu, hat es mich ein bisschen geärgert, dass ich dabei war, statt es stillschweigend ausfallen zu lassen (ich wäre nicht vermisst worden, weder von Saskia noch von der Erzieherin). Es ist irgendwie aus der Kategorie „Krampfhafte Normalität“: Der Versuch, etwas mit Saskia zu machen, was die anderen, gesunden Kinder auch tun – selbst wenn es in dem konkreten Fall völlig unmöglich ist.

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8 Antworten zu Krampfhafte Normalität

  1. conny schreibt:

    oh wie gut ich das kenne!
    Auch ich versuche zuweilen krampfhaft für Aenne „Normalität“ herzustellen.
    Das ich Aenne damit in keiner Weise gerecht werde, ihre Lebensqualität dadurch manchmal sogar eher Mindere, habe ich in gesprächen mit einer Psychologin (in der Kinder-Reha) erfahren.
    Trotzdem ist es schwer zu ertragen wenn das eigene Kind immer wieder aus dem normalen Alltag (bei uns dem normalen Alltag in einer schule für geistig und körperlich behinderte Kinder!) herausfällt weil es eher apathisch in der Ecke herumhängt als mitzumachen.
    Ich muss mir das jeden Tag aufs neue sagen um nicht immer wieder diesen Fehler zu machen.
    Und auch wenn ich es mir sage passiert es mir nur allzu oft!
    Ganz liebe Grüsse an Euch!
    Conny

    • Danke – es beruhigt mich irgendwie zu lesen, dass es auch anderen so geht. Ich hatte dieses Gefühl, dass wir Saskia nicht allzuviel „Normalität“ aufzwingen sollten, durchaus auch in der Vergangenheit schon ab und zu, heute kam es halt gerade mal wieder hoch. Tiefer nachgedacht habe/n ich/wir darüber noch nicht wirklich, glaube ich. Schwer, da einen guten Mittelweg zu finden, denn ich selber tendiere vielleicht manchmal zu sehr zu der „Ach, das ist doch eh‘ nix für Saskia“-Seite – womit ich ihr dann vielleicht wieder Dinge vorenthalte.
      Viele Grüße
      ‚Locke‘

  2. Elisabeth schreibt:

    Das ist schwer.
    Aber vielleicht ist es doch „hängengeblieben“, dass Du dabei warst, meinst Du nicht?
    Wir mindern auch Roberts Lebensqualität, sagte ein Psychologe … denn wenn wir ihn ins normal Drängen, dann spürt er sofort den Wunsch, den Anspruch … und das kann er nicht sagen, aber er wird laut und unmöglich. Er ist damit überfordert, sagte der Psychologe.
    Wie man es macht ist es falsch … sagte dann der Robert-Papa.
    Der Martinsumzug wird Saskia aber gefallen, denn da gibt es ja was zu sehen. Sie mag doch bestimmt auch das Licht in den Laternen.
    Schönes Wochenende
    Elisabeth

    • Ich denke, die Stunde eher, die ich mit dabei war, fand sie sicher gut. Nur – dazu hätte ich nicht eine Laterne basteln müssen :). Und den Zusammenhang „Papa hat diese Laterne mit mir gebastelt“ stellt sie, denke ich, nicht her – zumal sie kein Endergebnis gesehen hat, denn wir wurden ja nicht fertig.
      Dem Robert-Papa kann ich zustimmen, glaube ich 😕
      Und ja, beim Umzug hat Saskia üblicherweise Spaß …
      Viele Grüße
      ‚Locke‘

    • Hesting schreibt:

      Sorry, aber da möchte ich dem Psychologen widersprechen. Der Robert kann sich sehr wohl verbal äußern, wenn ihm was nicht paßt, und das wißt Ihr auch. Kennt Ihr den Spruch „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“? Der ist zwar drastisch, aber in einer gewissen Weise stimmt er. Dem Robert geht schon ganz viel Auseinandersetzung mit anderen Menschen ab. Und das wird ihm in 15,20,30, … Jahren vermutlich noch ganz andere Probleme bereiten. Er ist ja jetzt im Kopf schon nicht mehr das kleine süße Kind, für das man ihn wegen seiner optischen Erscheinung halten könnte.

  3. Tanja schreibt:

    Au ja, wir haben damit auch zu kämpfen.
    Manchmal brauche ICH es auch was zu machen was man mit nicht behinderten Kinder so selbstverständlich unternimmt. Irgendwie komm ich doch nicht ganz von dem Wunsch los „dazu zu gehören“. Oft geht der Schuss nach hinten los…..
    Vor einigen Wochen waren wir auf einem Familienfest (ein Jubiläum der mobilien Krankenschwestern – ein toller Verein bei uns). Somit hätte ich gedacht da hat auch Niklas Spaß. Falsch gedacht: ein Spieleparkour für Kinder mit Malen, Rätselraten, Geschicklichkeitsspielen….. Niklas konnte eigenlich nirgends mitmachen – es war ihm auch sicher egal….. ca. 30 Minuten nach Ankunft hab ich mich schon gefragt: was hab ich mir da blos gedacht?! Wären wir zu Hause geblieben hätten wir einen schönen Sonntag gemeinsam gehabt und ich hätte nicht wieder an diesem doofen Gefühl zu nagen.
    Gute Nacht,
    Tanja

  4. Hesting schreibt:

    Bitte red Dir das nicht ein / laß Dir das nicht einreden.
    Ich finde diese jahreszeitlichen Rituale schon wichtig.
    Und wenn die Kindergärtnerin sagt, daß auch „normale“ Kinder überfordert sind, kannst Du das doch auch positiv sehen. 🙂
    Andere Kinder machen dieselben „Fehler“ mit der Schere vielleicht aus Impulsivität, na und?

    • Hmm, was heißt „einreden“ … Ich hatte ernsthaft das Gefühl, dass es Saskia eigentlich nichts gebracht hat. Und dafür wäre der Aufwand auf meiner Seite dann etwas hoch gewesen. Das Laterne-Gehen selber wird ihr vermutlich wieder viel Spaß machen, das werden wir uns auch nicht entgehen lassen.

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