Weiche Knie

Es ist selten, dass die beste aller Ehefrauen oder ich allein mit Saskia unterwegs ist/bin, und wir keinen Buggy benutzen können. Die klassischen Fälle sind die mittwöchentliche1 Logopädie und die dienstägliche Ergotherapie. Beide finden nämlich jeweils in einer hübschen alten Villa statt. In beiden Fällen hat das durchaus seinen Charme, bedeutet aber leider auch, dass wir Saskia tragen müssen – denn, wie das bei Villen halt so üblich ist, ins Haus geht es nur über eine Treppe. Glücklicherweise bekommen wir meistens einen Parkplatz fast unmittelbar vor dem jeweiligen Eingang …

Blöd: Um ein Auto zu verriegeln, braucht man eine freie Hand. Womit für das Halten von Saskia nur noch eine weitere übrig bleibt, falls man über eine halbwegs durchschnittliche Anatomie verfügt, was bei uns beiden der Fall ist.

Früher™, da lehnte man sich Saskia einfach mit dem Oberkörper an/über den freien Arm, das hielt durchaus ein paar Sekunden. Das ist, wie mir heute nicht zum ersten Mal in der jüngeren Vergangenheit auffiel, zunehmend schwieriger. Der Grund ist, dass Saskias Beine immer mehr aus Pudding zu bestehen scheinen. Saskia irgendwo hinzustellen wird immer unmöglicher2, weil selbst dann, wenn sie nicht generell apathisch ist, keine Spannung in den Beinen ist.

Das fühlt sich für mich als Haltenden ganz komisch an. Wahrscheinlich, weil man gar nicht glauben kann, dass Beine – oder Extremitäten überhaupt – so schlaff sein können. Ich meine, was gibt es Banaleres als „stehen“?! Da streckt man halt die Knie ein wenig durch, und gut ist! Das muss man nicht mal bewusst machen, das passiert doch automatisch, oder? Nein, nicht zwangsläufig.

In das Gesamtbild passt neben den Pudding-Knien auch, dass ich ein wenig das Laufen vermisse. Also, nicht das richtige Laufen natürlich. Ehm, also, das natürlich auch, aber darum geht es hier nicht. Aber: Selbst das unterstützte Laufen klappt kaum noch. Entweder schaltet Saskia in den schnellen Vorwärtsgang – was zwar bedeutet, dass wir uns bewegen, was aber eben nicht wirklich „Laufen“ ist. Oder aber Saskia „hüpft“ und „tanzt“ vor Freude, was bedeutet, dass ihr ganzer Körper auf und ab wippt (bzw. von ihr gewippt wird) – aber dabei bewegen wir uns nicht von der Stelle. Aber wenn sie denn mal versucht, „richtig“ zu laufen, dann geht es heutzutage sehr schnell, dass ihre Beine unter ihr zusammenknicken. Auch hier scheint einfach die Spannung zu fehlen.

Ebenfalls in das Gesamtbild passt, dass ich seit einer Weile den Eindruck habe, dass auch ihr Krabbeln immer wackliger wird. Sie fällt öfter auf die Nase, sie kippt öfter zur Seite. Einmal quer durchs Zimmer zu krabbeln ohne größere Un- und Umfälle – das habe ich schon seit einer Weile nicht mehr gesehen. Und wie gesagt: Das gilt nicht nur für die schlechten, sondern auch für die „guten“ Phasen. Geistige Fitness impliziert nicht mehr gleichzeitige körperliche Fitness.

Und das macht – muss ich es erwähnen? – mir Sorgen. Ich habe Angst, irgendwann eine Tochter zu haben, die ihren Körper gar nicht mehr unter Kontrolle hat. Die nicht deshalb aufhört zu laufen/krabbeln/malen/spielen, weil sie nicht mehr will, sondern weil sie nicht mehr kann, obwohl sie will. Bei dieser Vorstellung bekomme ich weiche Knie.


1 Irgendwie glaube ich nicht, dass es dieses Wort wirklich gibt
2 Ja, auch „unmöglich“ hat eigentlich keinen Komparativ

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2 Antworten zu Weiche Knie

  1. Elisabeth schreibt:

    Die Angst ist gut nachvollziehbar.
    Ich weiss nicht was ich Dir auf die letzten Post schreiben soll, es klingt wirklich nicht gut wenn ich „Hoffnung“ oder „es muss doch wieder anders werden“ hier erbitte. Von wem und wie?
    Heute „erschüttert“ es mich sehr, was diese Krankheit mit Saskia tut.
    ich wünsche Euch trotzallem immerwieder schöne Tage, und das meine ich Ernst.
    Herzliche Grüsse
    Elisabeth

  2. Pingback: Letzte Logopädie | Besser so als anders

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