Gewollt Unbequem

Da gibt es ein paar Leute aus meiner Noch- und Bald-nicht-Mehr-Firma, die wollen eine neue, kleine Firma auf die Beine stellen. Dort soll das Produkt, das eingestellt wurde (auch wenn die Gesamt-Geschichte komplizierter und komplexer ist), de facto weitergeführt werden. Und es gibt ein, zwei andere, ähnliche Produkt-Ideen, die aber eher mittelfristig zu verwirklichen wären.

Und diese Leute wollen mich dabei haben, genauso wie eine weitere Handvoll meiner Ex-Kollegen.

Wir haben uns ein paar Mal getroffen, ein bisschen geredet, ein bisschen gearbeitet … Das Ganze wäre nicht so gut bezahlt wie mein alter Job (aber hey, das wird eh‘ schwer bis unmöglich, da meine in 13 Jahren erworbene Kernkompetenz zur Zeit auf dem Arbeitsmarkt wenig gefragt ist), aber man wäre in einem Umfeld, das man kennt, an einem Produkt, das man kennt, mit Leuten, die man kennt … mit regelmäßiger Arbeit von zu Hause, die ich ja wegen Saskia sehr gern wieder hätte …

Ach so, Beteiligungen an der Firma soll es auch geben – für später, wenn der Aktienkurs durch die Decke geht, und so. Das nun ist mir völlig schnuppe – ich spekuliere nicht über Dinge, die mir für die Zukunft versprochen werden, ich halte mich an die, die ich jetzt schon habe – die Zukunft ist einfach eine verdammt untreue Socke.

Egal – insgesamt wäre es ein Tisch in einem für den Augenblick gut geheizten Raum, unter den ich meine Füße legen könnte. Schön kuschelig.

Nur dummerweise … wie sag‘ ich es … drei der vier zentralen Personen dieser neuen potentiellen Firma kenne ich aus den letzten Jahren. Ich sach‘ mal so: Ich habe Bedenken, ob die den Biss haben, eine Firma dieser Art zu führen und zu treiben. Das ist erst mal ein (Vor-)Urteil nach 10 Jahren gemeinsamen Arbeitens, aber es gibt mindestens eine aktuelle Entwicklung, die das in meinen Augen nochmal ziemlich deutlich macht. Und ich bin nicht allein mit den Bedenken. Das ist Punkt 1.

Punkt 2: Höre ich mich bei meinem mit im Boot sitzenden Ex-Kollegen um, kommt da oft so etwas wie: Ich find‘ nicht so richtig etwas Anderes. Da sind Leute dabei, die ein ähnliches Problem haben wie ich1: Viele viele Jahre C++ entwickelt, und eine sehr spezielle Expertise aufgebaut, mit der außerhalb unseres Produktes kaum jemand etwas anfangen kann. Das heißt nicht, dass die Leute unfähig sind, und sich nicht innerhalb eines Jahres zu Experten auf anderen Gebieten entwickeln können – aber es ist eine Einstiegshürde bei einem potentiellen neuen Arbeitgeber. Dazu kommt in mindestens einem Fall ein nicht vorhandener Hoch- oder Fachschulabschluss – auch dieser Mann ist ziemlich gut, aber auch in unserer Branche steht in den Stellenanzeigen sehr oft, dass ein solcher Abschluss zwingend erforderlich ist – obwohl ein 20 Jahre alter Abschluss über die heutige reale Qualifikation exakt gar nichts aussagt.
Ergo: Das potentielle neue Team (oder zumindest der Kern davon, es ist durchaus geplant, das mit „frischem Blut“ zu verstärken) … hmm … besteht nicht ausschließlich aus Leuten, für die die neue Aufgabe der absolute Wunsch ist. Eher so ein „Ja, kann ich, mach ich – aber wenn was Besseres kommt, bin ich vermutlich weg.“. Keine gute Basis für Erfolg. Und Erfolg braucht die Firma, sonst ist das Licht ganz schnell wieder aus.

Punkt 3: Es gibt ein paar … windige Punkte im Konzept. Naja, einen. Ob der wirklich so umgesetzt wird, ist eine ganz andere Frage, aber allein die Tatsache, dass man darüber nachdenkt, ist nicht Vertrauen erweckend. Ein Grund, warum ich mich schon vor meinem Gekündigt-Werden über den Zeitpunkt meiner Selbst-Kündigung nachdachte, war … nun, die große Firma und ich, wir hatten einfach unterschiedliche Vorstellungen darüber, welchen Preis wirtschaftlicher Erfolg haben darf. „Jeden“ wäre die Antwort meines Arbeitgebers gewesen, ich hätte da gern so altmodische Dinge wie „Moral“ und „Anstand“ mit auf der Rechnung gehabt. In der Firma vorher fand ich das eher wieder – aber die ging pleite und wurde gekauft. Soviel nur zu den Überlebenschancen von Moral und Anstand.

Punkt 4: Will ich das? Will ich schon wieder das machen, was ich die letzten 13 Jahre getan habe? Wäre das nicht ein ziemlich guter Zeitpunkt, dem Universum für den Tritt in den Hintern zu danken, und es als Chance zu begreifen, Kompetenz auf einem neuen Gebiet zu entwickeln? Mal wieder eine neue spannende Sache anzufangen, wo man jeden Tag oder auch nur jede Woche etwas Neues lernt?

Mitzumachen wäre der bequeme Weg. Ich glaube, ich will nicht.


1Auch wenn ich, um das mal für das Protokoll zu erwähnen, für mich persönlich nach wie vor optimistisch bin, was die Lösung dieses Problems angeht.

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3 Antworten zu Gewollt Unbequem

  1. Hesting schreibt:

    Ich könnte jetzt schreiben: gib Dir nen Tritt und lern was neues.
    Aber da müßte ich mich jetzt auch mal an die eigene Nase fassen. :/
    Trotzdem: Kannst Du zwei Stunden pro Tag dafür freischaufeln?

  2. Pingback: Falscher Film | Besser so als anders

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