Kleine Schritte

Manchmal geht es vorwärts, in kleinen Schritten.

Jeden Sonnabend und Sonntag Morgen ergibt es sich, dass die beste aller Ehefrauen Saskia fertig macht (pun intended), während ich mich durchs Bad schleuse. Anschließend nehme ich Saskia mit in den kombinierten Wohn-/Ess-Bereich, während die beste aller Ehefrauen macht, was immer Ehe- und andere Frauen morgens im Bad so machen.

Saskia möchte spielen, also setzen wir uns in Wohnzimmer auf den Boden, ich werfe ihr achtlosliebevoll alle möglichen Spielsachen hin, und sage, dass ich mich jetzt ums Frühstück kümmern muss, sie aber währenddessen gern hier spielen kann, und wenn dann die Mama aus dem Bad kommt, und ich mit dem Frühstück fertig bin, dann können wir alle zusammen frühstücken.

Das Ergebnis ist, dass Saskia die Mundwinkel so weit wie nur irgend möglich nach unten zieht, anfängt zu jammern, auf ihren Stuhl neben dem Tisch zeigt (früher sagte sie statt dessen „tuhl!“, aber mit sagen hat sie es ja nicht so sehr seit einer ganzen Weile), und völlig untröstlich ist. Was üblicherweise dazu führt, dass ich sie resigniert in ihren Stuhl setze, wo sie dann während der Frühstücksvorbereitungen sitzt und Löcher in die Luft, die Wände, und die Zimmerdecke starrt.

Seit einer Weile nun sage ich mir und auch ihr, dass sie doch viel mehr Spaß hat, wenn sie im Wohnzimmer spielt, sie mich ja dabei auch sieht, ich ja nur das Frühstück machen muss, sie doch sehr viele tolle Spiele hat, die ihr auch ganz viel Spaß machen, sie auch wundervoll alleine spielen kann, was ich sehr wohl weiß, und was auch sie weiß, und was mir auch die Erzieherin K. aus dem Kindergarten immer wieder erzählt – und dann gehe ich, und lasse sie sitzen. Beziehungsweise liegen.

Und in den 20 bis 25 Minuten, die es dauert, bis das Frühstück und die beste aller Ehefrauen fertig sind, weint Saskia, dann liegt sie still auf dem Boden – und irgendwann sucht sie sich wirklich etwas zum Spielen. Meistens jedenfalls. Gut, oft genug versucht sie, mich trotz der Entfernung – ich in der Küche, sie im Wohnzimmer – einzubeziehen, so dass ich ihr immer wieder sagen muss, wie toll sie das macht, dass ich mich aber trotzdem noch ein wenig in der Küche kümmern muss – aber immerhin: sie spielt. Alleine. Obwohl sie vorher so tat, als löse allein der Gedanke daran einen mittleren Weltuntergang aus. (Gibt es eigentlich unterschiedliche Weltuntergangsgrößen? Klein – Mittel – Groß? Vermutlich eher nicht.)

Und obwohl es mir verdammt schwer fällt, meine weinende Tochter dort zurückzulassen – hey, immerhin in einer Entfernung von mehreren Metern! -, denke ich manchmal ganz leise, dass es richtig ist, dass ich genau das tue. Und auf einer Meta-Ebene denke ich dann, dass es ab und zu in meinem Kopf in kleinen Schritten vorwärts geht. Oder wenn schon nicht vorwärts, dann zumindest in irgendeine Richtung.

Manchmal frage ich mich, was ich wohl für ein Vater geworden wäre, wenn unsere Tochter gesund geblieben wäre. Ob ich dann auch so klammern würde. Ob ich inzwischen gelernt hätte oder irgendwann lernen würde, dass man Kinder auch loslassen muss, dass auch und insbesondere für Kinder gilt, dass das, was man will, nicht immer das ist, was man braucht.

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2 Antworten zu Kleine Schritte

  1. Ute schreibt:

    Wenn deine Tochter normal entwickelt wäre, würde sie sich ganz von selbst von dir abgrenzen. Hier geht das manchmal ziemlich drastisch: „Mama, laß mich! Ich will das alleine machen!“ „Mama, geh doch weg! Tobias und ich wollen alleine spielen!“ Es kam auch schon mal ein „Ach Papa, geh arbeiten!“ *g*

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