Kleine Fragestunde

„Ist das eine Karre oder ein Sitz?“ fragte das kleine Mädchen, das gerade zusammen mit Saskia (okay, und mit mir) wiederholt ein Stöckchen durch die Fußgängerzone geworfen hatte, weil der kleine Hund jedesmal so schön hinterher rannte, um ihn uns dann begeistert hechelnd vor die Füße zu legen.

„Eine Karre“.

Es arbeitet hinter der kleinen Stirn. „So ein großes Mädchen …“

„Ja, stimmt, sie ist schon ein großes Mädchen …“ (oder so)

„Warum sitzt sie da?“

„Weil sie leider nicht laufen kann, da müssen wir sie immer in die Karre setzen.“

Es arbeitet wieder. „Aber bald ist sie groß, und dann kann sie hüpfen!“ sagt sie – und macht das auch gleich mal vor. Was mich doch ziemlich zum Grinsen bringt.

„Nein, ich fürchte, auch wenn sie groß ist, wird sie nicht laufen können. Sie wird immer die Karre brauchen, demnächst bekommt sie auch einen Rollstuhl.“

Die Eltern des Mädchens haben es inzwischen geschafft, sie zu bremsen (auch wenn sie kurz darauf an der Ampel noch eine „Warum?“-Frage anbringen kann, woraufhin ich ihr erkläre, dass Saskia leider krank ist, und deswegen nicht mehr laufen kann, obwohl sie es früher mal konnte.) – ihnen scheint diese Fragerei unangenehm zu sein. Ob das wegen des Themas an sich ist, oder weil ihre Tochter einfach Leute anquatscht – ich weiß es nicht. Scheint mir ein bisschen was von beidem zu sein.

Um so mehr Spaß hatte ich. Ich mag es, wenn Kinder fragen stellen, ohne auf blöde Konventionen Rücksicht zu nehmen.

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16 Antworten zu Kleine Fragestunde

  1. Elisabeth schreibt:

    Es ist so ehrlich, offen und direkt. Schade wenn Eltern dann nicht auch so sein können!
    schöne Woche
    Elisabeth

  2. Hesting schreibt:

    Find ich auch schade, daß die Eltern meinten, eingreifen zu müssen. Es ist schon ein sozialer Standard, nicht zu fragen, glaube ich – genauso, wie man ja auch nicht starren soll.

  3. Mother In Hydeing schreibt:

    Hm, mir als Eltern würde es eher Sorgen bereiten, wenn mein Kind einfach so fremde Leute anquatscht – ob die nun selber ein Kind dabei haben oder nicht.

    In der Schule meiner Tochter ist eine Erstklässlerin, die völlig distanzlos ist, bis hin zur Bitte an Wildfremde (darunter auch ich schon mehrmals), ihr die Schuhe zuzumache, das Brot aus dem Ranzen zu holen oder ähnliches. Die Kurze fragt auch alle zu allem aus – das ist wirklich schon gruselig, wie zutraulich sie ist…

    • Muschelsucher schreibt:

      Ob´s distanzlos war, muß aus der Situation heraus gesehen werden. Solche Fragen habe ich noch nie als distanzlos, sondern als interessiert betrachtet. Noch nicht so beladen mit Vorbehalten, wie Erwachsene daherangehen.

      Liebe Grüße

      • Graugrüngelb schreibt:

        Ja, so sehe ich das auch. Und mir ist lieber, die Kinder (oder im Zweifel auch die Eltern) fragen mich (oder uns) als dass sie sich irgendwelche wilden Erklärungen ausdenken – oder eben gar nicht auf die Fragen ihres Kindes eingehen.
        Wie es schon bei der Sesamstraße heißt: Wer nicht fragt bleibt dumm.

        • Ute schreibt:

          Letzten Endes ist es eh egal – man kann es so oder so falsch machen. Manche Eltern finden es so gut, andere sind pikiert, wollen nicht drüber reden und fauchen den Fragenden an – und sei es nur, weil sie selber noch nicht mit der Behinderung umgehen können.

          Gibt immer sone und solche; es ist manchmal ein ziemlicher Eiertanz, finde ich. (Vergleichbar mit „Soll ich meiner Bekannten mit Kinderwunsch von meiner Schwangerschaft erzählen oder lieber nicht?“ Manche Bekannte kriegt einen Heulanfall und verflucht die mangelnde Sensibilität der Schwangeren, andere fühlen sich ausgeschlossen, wenn man nichts sagt und machen einem genau deswegen Vorwürfe. Oder auch bei Todkranken. Sagt und fragt man was, kann das genauso falsch sein wie nichts zu sagen und als desinteressiert zu gelten) Im Zweifelsfall hat man sich am besten an sein eigenes Gefühl gehalten, und bei dem einen oder anderen heißt das dann eben, daß er/sie/es nichts fragt oder sagt. In erster Linie muß ja er oder sie damit und mit der Reaktion klarkommen.

          Was aber Kinder angeht, die ab dem Grundschulalter immer noch (ohne daß ein Notfall besteht) völlig hemmungslos wildfremde Erwachsene anreden, finde ich das nicht OK. Meinen beiden habe ich jedenfalls eingetrichtert, daß sie das bitte sein zu lassen haben, solange sie nicht in Not sind oder es sich um einen „abgesicherten“ sozialen Raum wie eine Party etc. handelt. Das ist einfach eine Frage der Sicherheit des Kindes.

    • Ich versteh‘, denke ich, Deinen Punkt – aber wo zieht man die Grenze? Niemals nimmer nicht zu fragen halte ich definitiv für schlecht, ich finde es eines der ganz großen und wichtigen und schönen Wunder bei Kindern, dass sie eben noch nicht all diese Barrieren eingebaut haben, die da sagen „das macht man aber nicht“. Fragen hilft, die Welt zu verstehen, und wenn ich dabei helfen kann, indem ich antworte – immer wieder gerne (Naja, nur bis zu einem gewissen Punkt, vermutlich :))

      Vielleicht sollte man die Grenze wirklich irgendwo beim Umfeld ziehen: Insbesondere, wenn Papa und Mama daneben stehen, darf und sollten Kinder fragen, und gern auch andere. In einem eher „unsicheren“ Umfeld sollten sie das sicher nicht unbedingt (im wörtlichen Sinn von: ohne weitere Bedingungen).

      Ich weiß es nicht genau, ich hatte mangels eigener gesunder Kinder nie eine Veranlassung, genauer darüber nachdenken zu müssen. Aber ich fände es definitiv einen sehr großen Verlust, wenn man schon kleinsten Kindern (das Mädchen war 4, vielleicht auch 5) einbleuen würde, dass sie bitte niemals und unter keinen Umständen jemanden anzusprechen haben.

      • Ute schreibt:

        Ich finde, man sollte das schlicht den Eltern überlassen, was sie für ihr Kind für richtig halten und wo sie es gewähren lassen bzw. ihm Grenzen setzen. Du weißt ja auch nie, wie das Kind so tickt und wieviel Konsequenz seitens der Eltern vonnöten ist, damit es die von ihnen gesetzten Regeln einhält.

        Wenn ich selbst den Kontakt initiiere oder umgekehrt du als Vater mit mir, der Mutter des Kindes, dann sind die Kinder herzlich eingeladen, an der Unterhaltung teilzunehmen. Das fände ich dann auch in Ordnung.

        Mit fünf, sechs Jahren fängt die Zeit an, wo die Kinder auch mal unbeaufsichtigt und außer Sichtweite in der Nachbarschaft unterwegs sind. Und da muß ich als Eltern einfach halbwegs sicher sein können, daß meine Kinder nicht bei jedem gleich zu zutraulich sind. Daher ist es einfach notwendig, daß sie das beizeiten verinnerlichen. Selbst in harmlosen Situationen wie der Euren fragt man sich dann natürlich als Eltern: „Hey, was macht mein Kind da? Hat es nicht verstanden, was ich ihm beibringen wollte? Redet es etwa auch in meiner Abwesenheit Hinz und Kunz an?“

        Was das Ausfragen von bzw. über Behinderte angeht: Interesse seitens des Kindes ist eine prima Sache. Aber manche befürwortenden Kommentare hier lesen sich für mich merkwürdig. Nicht wie: „schön, daß dich das interessiert“, sondern überspitzt formuliert wie: „so, wir machen da jetzt gleich mal eine Unterrichtsstunde in Inklusion und Empathie draus. Damit du ein besserer Mensch wirst.“ So… instrumentalisierend. Ich kann’s nicht richtig in Worte fassen. Sorry.

        • Hmm, Dein letzter Absatz … ich denke, da liest Du Dinge, die so keiner meint. Ich lese die anderen Kommentare hier eigentlich durchaus als „Schön, dass das Kind sich dafür interessiert“. Natürlich impliziert das auch: „Schön, dass das andere Kind dadurch vielleicht Berührungsängste zu meinem Kind abbaut“ – denn dann hat es mein Kind später vielleicht einfacher. Aber es ist ja nicht so, dass wir unser tägliches oder wöchentliches Soll haben, wieviel wildfremde Kinder wir auf der Straße ansprechen müssen, um ihnen ungefragt zu erzählen, was es mit unserem Kind auf sich hat – wir drängeln es ja niemandem auf. Wir freuen uns nur, wenn ein anderes Kind von sich aus interessiert ist …

  4. Muschelsucher schreibt:

    Mir sind diese direkten Fragen auch lieb. Dann kann man konkret antworten, verliert die Berührungsängste vor Behinderten und Kranken und nur das kann die Grundlage für eine gelebte Inklusion sein. Außerdem lernen auch andere Kinder, daß das Leben nicht unbedingt ein Ponyschlecken ist und es neben Friede, Freude, Eierkuchen auch andere Seiten des Lebens gibt.

    Liebe Grüße

  5. Sommersprosse schreibt:

    Wann sollen/dürfen Kinder fremde Erwachsene ansprechen? Diese Frage ist sicher von Fall zu Fall zu klären.
    Auch ich fände solche Fragen der Kinder völlig in Ordnung und sogar gut. Denn dadurch sind sie eher in der Lage Mitgefühl und Verständnis aufzubringen. Sicher waren die Eltern der Meinung, dass es dem Papa unangenehm war.

    Liebe Grüße

  6. Elisabeth schreibt:

    Robert ist ein Kind, das jeden anquatscht. Meist ganz nett und vertrauensvoll. Er versteht es nicht anders, d.h. aber nicht, dass wir ihm nicht oft erklären wie gefährlich so etwas sein kann wenn keine Mama, Papa, Schwester dabei ist. Und dann kommt „ich schau schon gut hin, ich kann einen Räuber erkennen!“… obwohl wir gar nicht von Räubern sprechen.
    Wenn er dann auch noch in vertrauter Umgebung (Schule) ist, dann kennt er keine Grenzen. Das ist eines seiner Autismusmerkmale. Das soziale Gespür fehlt ihm.
    Ich find das mit dem Mädchen eher neugierig, sie wollte halt wissen was da los ist.
    Wir Erwachsenen sind uns dieser täglichen Gefahren natürlich bewusst. Es ist ein Gratwanderung!
    Ich erkläre anderen Kindern lieber selber warum Robert so ist wie er ist! Wenn er sich freut springt und wedelt er laut durch die Gegend. Wie erklären Eltern die ihn nicht kennen so ein Verhalten eines 11jährigen? Es ist uns schon öfter passiert, dass sogar die Eltern hinhörten, Fragen stellten. Und die Fragen beantworten wir dann gerne.
    viele Mittwochsgrüsse
    Elisabeth

  7. susarei schreibt:

    hallo unbekannterweise,

    ich mußte kurz grinsen, als ich den text las: dies könnte eins zu eins meine tochter gewesen sein, die ist gerade 3 jahre alt. und nein, ich hätte sie nicht gebremst ob ihrer fragerei, es sei denn ich hätte gemerkt, es ist zu nah, zu unbequem, zu aufgringlich, was auch immer. was ich als mama aber schon getan habe in genau so einer situation: ich habe den vater, der mit seiner tochter ebenfalls im rollstuhl unterwegs war gefragt, ob es ok sei. war es, und nun grüßen sich die 2 immer laut, wenn wir uns treffen :-), und die eltern lächeln sich ebenfalls an.

    liebe grüße aus berlin
    susa

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