Unmögliche Ruhe

Ganz Ganz Früher™, als von der Epilepsie noch nichts zu ahnen war – ich erinnere mich, als wäre es erst voriges Jahrzehnt gewesen1 -, da haben wir Saskia öfters erzählt, dass der Begriff des Zappelphilipp wohl bald durch den der Zappelsaskia ersetzt werden würde.

Bis vor drei Wochen war das eine sehr … entfernte Erinnerung.

Wenn Saskia das mit der guten Form noch eine Weile erhält … muss ich Ritalin besorgen. Ich weiß allerdings noch nicht, ob für sie oder für mich … 😕

Immer und immer und immer und immer und immer und immer und immer wieder zu sagen, dass sie jetzt bitte liegen bleiben möge, damit ich sie umziehen kann … oder bei irgendeiner anderen Gelegenheit zu versuchen, Ruhe in sie zu bekommen, wenn ihr gerade gar nicht nach Ruhe ist – das ist schwer, verdammt schwer.

Was ich überhaupt nicht vertrage: Nicht mit Leuten reden zu können. Und mit Saskia kann ich nicht reden, nicht mal auf dem Niveau eines Kindes: Ich erkläre ihr ruhig und gemütlich, dass es jetzt unpassend ist, was sie gerade tut – und nochmal, und nochmal – und habe das Gefühl, überhaupt nicht zu ihr vorzudringen. Sie schaut mich groß an (wenn ich frage, ob sie mich verstanden hat, und auf einer Antwort insistiere2, dann kommt wahrscheinlich noch ein „Ja“) – und macht einfach weiter.

Und nicht zu anderen Menschen vordringen zu können macht mich … wuschig. Sehr, sehr wuschig, und unleidlich.

Entweder werde ich also ihr das Ritalin geben, damit sie ruhiger wird – oder mir, damit ich nicht irgendwann unkontrollierte physische Gewalt anwende.

Ansonsten hoffe ich einfach, dass ich lerne, damit umzugehen, bevor ich ernsthaft ausfällig werde Saskia gegenüber – andere Eltern müssen das vermutlich auch irgendwie, oder? 😕


1 Was natürlich nicht stimmt: Es war im vorigen Leben.
2 Tolles Wort. Wenn auch pure Angabe, ich könnte auch „bestehe“ schreiben, aber mal ehrlich, das klingt nicht mal halb so gut ….

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9 Antworten zu Unmögliche Ruhe

  1. Muschelsucher schreibt:

    Gestern hatten wir einen Tag, an dem autistisch wirkende Züge bei unserem Sohn enorm durchkamen. Er konnte unmöglich die Jeans anziehen, weil es eine Schulhose ist und nicht am WE getragen werden kann. Er wollte nur und alleine durch die Stadt und nicht gleichzeitig mit uns im Geschäft sein, beim Pokalfinale war Drama, weil ein Sessel falsch stand.

    Mein Mann sagte dann seufzen: Dieses Benehmen kann Leben kosten. 😉

    Manchmal muß man schon sehr tief durchatmen, langsam 3x Hauwägelchen sagen und es einfach nochmal probieren.

    Aber verstehen, daß es Gewalt in der Pflege gibt, kann ich schon.

    Neulich im KH hatten wir eine Unterhaltung unter Eltern mit besonderen Kindern und nachdem unsere Kinder gerade für die Op diesen „Sch***EgalSaft“ bekommen haben, überlegten wir, wie gut es für unseren Alltag wäre, könnten wir davon was für uns abzweigen – Du bist nicht alleine mit Deinen Gedanken.

    Und nicht irritieren lassen, nur weil die Reaktion nicht adäquat ist, heißt es nicht, daß es nicht doch oben ankommt. Immer schön weiterreden, auch wenn das sehr schwer ist.

    Ich merke das auch bei fremden Pflegepersonen (Schwestern usw), die sich um meinen Sohn kümmern, daß diese schnell verstummen, wenn es keine lautsprachliche Anwort gibt. Dabei ist das so wichtig, wenn auch so schwer, immer weiter Kommunikation zu treiben.

    Liebe Grüße

  2. Tanja schreibt:

    oh ja, da bist du sicher nicht allein…..
    ich merk es immer wieder – so wie jetzt, wenn ich alleine mit Niklas im Krankenhaus bin. Ich bin am routieren, wenn ich niemanden zu reden hab. Von Niklas kann ich das nicht erwarten…… da wird auf einer ganz anderen Ebene kommuniziert.
    Wenns mir zu viel wird (und ich so überhaupt kein Verständnis für notwendige Dinge ernte) dann klink ich mich kurz aus. Lass ihn alleine machen und atme tief durch….
    in solchen Momenten bin ich dann heilfroh, dass mein Mann und ich uns diesen Bengel teilen….. das sag ich als wirklich geduldiger Mensch.
    liebe Grüsse
    Tanja

  3. Elisabeth schreibt:

    Ich hab ja nun hier einen Buben der den ganzen Tag redet! Aber 95 % ohne Sinn und Ziel. Es gibt Tage wo ich „sei nun still!“ im Kommandoton sage, weil es einfach nicht mehr geht, mein Kopf ist nicht mehr aufnahmefähig …
    Seid ca.zwei Wochen sagt er dann: „ich bin halt so!“, laut, lauter, oft, öfter… Susanne hat am Donnerstag mitgezählt und als sie bei 89 ( neunundachzig) war hab ich einen sehr lauten Schrei losgelassen „RUHE!!“
    doch, ich kann verstehen, dass ein Punkt kommt wo eine Gefährung eintritt. Ich geh dann… raus, weg! Durchatmen, und auch ich bin sehr froh, dass wir zu zweit sind!
    Das kann sich niemand vorstellen, der nicht länger (ich mein wirklich beständig länger) mit solchen anstrengenden Situationen lebt.
    Auch wenn ich von Robert nun dieses süsse Video eingestellt habe, meistens ist er anders, autistischer … so wie Muschelsucher es beschrieben hat.
    schönen Sonntag, liebe Grüsse
    Elisabeth

  4. Ute schreibt:

    Dir ist aber schon klar, daß Ritalin bei Leuten ohne ADS als Aufputschmittel eingesetzt wird? *g*

    • Graugrüngelb schreibt:

      War mir nicht klar, aber betrifft ja hier niemanden 😉

    • Oh … nein, das wusste ich nicht.
      Reiht sich dann einfach ein in die Liste der Medikamente, die ich meiner Tochter wegfresse … von ihrem Rivotril tät ich ja manchmal auch gern naschen 🙂

      • Elisabeth schreibt:

        Hier hat der Mann des Hauses auch schon mal überlegt, ob er die Wirkung der Medikamente ausprobieren soll…. als Eigenversuch.
        Aber als wir dann die Dosis auf ihn hochgerechnet haben… wäre Roberts Vorrat leer gewesen, haben es dann nicht gemacht, aber mit der Ärztin ein interessantes Gespräch darüber geführt.
        Es gibt Eltern die das tun….
        herzliche Grüsse aus dem eiskalten Bayern
        Elisabeth

        • Ja, die beste aller Ehefrauen erzählt auch immer mal gern von Eltern, die (in entsprechenden Foren) berichten, dass sie „natürlich“ die Medikamente, die sie ihren Kindern geben, auch mal selber probieren – um zu wissen, was sie ihnen antun. Oder so.

          Finde ich eindeutig übertrieben. Das will ich, glaube ich, gar nicht sooo genau wissen 😕

          Liebe Grüße
          ‚Locke‘

  5. Dankeschön, Ihr drei! Es tut gut zu lesen, dass wir damit nicht alleine sind 🙂

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