Weicher Hund

Da hab‘ ich heute Nachmittag noch einen auf dicke Hose gemacht, indem ich der Lehrerin und Erzieherin erzählte, dass Anfälle für uns zwar schlimm, aber letztendlich was ganz Normales seien, dass wir die halt zählen, und dann wieder zum Tagesgeschäft übergehen, und dass das nicht so hartherzig sei, wie es vielleicht klingt, aber man sich halt im Lauf der Jahre an so vieles gewöhne … (Die Idee dahinter war irgendwie, diesen beiden auch diese Normalität zu suggerieren, die Saskias Anfälle angeblich darstellen …)

Und dann liegen wir da im Bett, Saskia in meinem Arm, ich lese ihr vor … und sie krampft.

Ich weiß nicht, ob tonische und tonisch-klonische Wachanfälle wirklich jemals zum normalen Tagesgeschäft zählten. Damals, vor mehr als zwei Jahren, als Saskia sie regelmäßig hatte – so zwischen zwei und sechs Mal pro Tag, manchmal auch mehr oder weniger – da waren sie in gewissem Sinn „normal“. Aber hatte ich mich wirklich dran gewöhnt? Ich weiß es nicht mehr, 2 Jahre sind eine so lange Zeit …

Heute sind sie schrecklich. Ich bin entwöhnt – ich bin froh, dass ich es bin, aber das macht es dann um so schlimmer. Direkt nach dem Anfall versuchte Saskia, Lebendigkeit zu simulieren, noch bar jeder ernsthaften Körperkontrolle – das eigene Kind auf diese Art sehen zu müssen … Nachdem wir das Licht ausgemacht hatte, lag sie da, mit offenen Augen, und starrte in die Dunkelheit. „Resignation“ war meine Assoziation, oder, noch schlimmer, „Kapitulation“ – Kapitulation vor dem Gefangensein im eigenen Körper. Noch eine Dreiviertelstunde nach dem Anfall, sie war immer noch nicht eingeschlafen, schaffte sie es nicht, sich aus eigener Kraft auf die andere Seite zu legen.

Nein, dieser harte Hund, der zu sein ich da vorgegeben habe, der bin ich nicht. Es ist absolut zum Heulen, das eigene Kind derart leiden zu sehen. Und das hab‘ ich dann auch getan.

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4 Antworten zu Weicher Hund

  1. anna schreibt:

    Mir fällt nichts sinnvolles oder hilfreiches ein, was ich schreiben könnte, aber ich mag nicht ohne Kommentar wieder verschwinden. Ich hinterlasse einfach mal einen Gruss voller Bewunderung (wie ihr als Familie zusammen- und aushaltet), Wut und Ratlosigkeit (dass ihr dieser Krankheit so ausgeliefert seid).

  2. Muschelsucher schreibt:

    Ach Mensch, ich habe mich durch die letzten Posts hier gelesen und die Tendenz gefällt mir genausowenig wie Euch.
    Ja, es ist schrecklich das Kind so zu sehen, wenn ich es auch krampfunabhängig und nur ganz selten so erlebt habe. Aber das hat mir schon gereicht.

    Daher nur ganz liebe Grüße, weil ich keine helfenden Worte weiß

  3. Sommersprosse schreibt:

    Die Entwicklung in diese Richtung ist ganz schlimm (und habe ich so, nach der OP nicht erwartet) und da brauch sich auch niemand seiner Tränen schämen!

  4. Andrea schreibt:

    Menno. Das ist doch alles Scheißndreck! 😦
    Fühlt Euch mal virtuell und unbekannterweise gedrückt.
    LG, Andrea

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