Rollender Transport

Vor ein paar Wochen sagte mir der Fahrer von Saskias Schulbus (als ausnahmsweise mal ich nachmittags Saskia entgegennahm, normalerweise ist das der besten aller Ehefrauen Aufgabe), dass sich seine Chefin vermutlich bald bei uns melden würde. Sie wolle das Thema „Transport im Rollstuhl“ wieder aufwärmen.

Dazu muss man wissen, dass Saskia einen Zweit-Reha-Autositz hat, der permanent in dem entsprechenden Schulbus stationiert ist, so dass Saskia in diesem Sitz gefahren werden kann. Morgens hebe ich sie üblicherweise ins Auto hinein, der Fahrer sie am Ziel aus dem Sitz in den Rollstuhl. Nachmittags ist der Fahrer meist für beide Richtungen zuständig.

Und das ist, finden wir, auch Gut So™. Auch der Fahrer selber hat, das sagte er mir explizit bei dieser Gelegenheit, absolut kein Problem damit. Das wolle er uns auf jeden Fall sagen, denn seine Chefin werde vermutlich behaupten, er hätte sich beschwert, immer Saskia heben zu müssen …

Gestern nun rief die Dame hier an, und machte sich als Erstes bei der besten aller Ehefrauen unbeliebt, weil sie nach etwas konfuser und unverständlicher Einführung „Geben Sie mir doch mal bitte Ihren Mann“ bat – das mögen manche hier gar nicht, wenn immer stillschweigend davon ausgegangen wird, dass immer der Mann des Hauses für alles (außer natürlich den Haushalt) zuständig ist … 🙂

Und dann erklärte mir die Frau, dass sie ja jetzt extra die Rampen in die Busse eingebaut habe, und dass ja ihre Fahrer Saskia nicht mehr heben könnten, und dass wir doch bitte Saskia im Rollstuhl transportieren sollten …

Ich gebe zu, an dieser Stelle war sie auch bei mir auf der Stelle unten durch (was man mir im weiteren Verlauf des Gespräches, Schande über mich!, vermutlich auch anmerkte – ich verfiel ein wenig in meine, wie es mal jemand nannte, „unnachahmlich rüde Art“). Wenn mir der Fahrer vorher explizit sagt, dass sie mit dieser Story kommen würde, das aber gar nicht stimme, und sie dann tatsächlich damit kommt … Frech!

Nun ja, wir haben das dann eine Weile diskutiert. Eine ganze Weile. Ich legte also dar, dass wir das aus verschiedenen Gründen nicht wollen: Ein Rollstuhl ist unsicherer; sie hat ja extra einen Sitz; der Fahrer hat gar kein Problem (er erlaubte uns, das seiner Chefin gegenüber zu sagen – mutiger Mann!); die Halterungen, die man am Rollstuhl befestigen müssen, würden diesen deutlich (um ca. 3kg) schwerer machen, was absurd wäre, da wir extra einen (schweine-teuren) extrem leichten Rollstuhl genommen (und von der Kasse bezahlen lassen) haben, damit Saskia selber fahren kann; dass ich eigentlich der Meinung bin, dass ihr Beförderungsauftrag nicht mit dem Tritt aufs Gaspedal endet …

Ihre Seite der Argumentation sah im Wesentliche so aus, dass sie sagte, dass der Fahrer mal krank sein könne, und sie dann nur noch Frauen als Fahrerinnen habe, und die könnten Saskia ja nicht heben. Was ich vielleicht sogar glaube, aber das mit dem Beförderungsauftrag meine ich eigentlich ernst.

Ihr Vorschlag war dann irgendwann, dass wir einen Zweitrollstuhl bei der Kasse beantragen können, der nur für den Transport genutzt wird – sie würde auch immer beide Rollstühle mitnehmen, den Platz hätte sie im Auto. Auf meine Frage, wer Saskia am Ziel umsetze, kam ein „Das können die in der Schule ja dann machen.“. Woraufhin ich mir nicht verkneifen konnte zu erwähnen, dass ich es schon ein wenig unfair fände, dass sie sagt, dass ihre Fahrerinnen Saskia nicht heben können, sie das aber von der Lehrerin und Erzieherin in der Schule verlange. Leider ignorierte sie das komplett …

Letztendlich gingen wir so auseinander, dass ich sagte, dass ich vier Dinge tun würde: Zum einen könne ich gern bei der Krankenkasse anfragen, ginge aber davon aus, dass die mir einen Vogel zeigen werde: Immerhin ist Saskia versorgt. Zweitens würde ich mich nochmal erkundigen, was die Sicherheit der beiden Transportarten angeht – vielleicht irren wir uns ja, vielleicht kann man im Rollstuhl ja genauso sicher transportiert werden wir in einem Autositz. Drittens würde ich die Frauen in der Schule fragen, was sie von der Idee hielten, dass sie plötzlich für das Umsetzen verantwortlich sind. Und viertens würde ich mich informieren, wie genau denn der Auftrag des Unternehmens aussieht, und wofür genau das Land sie denn eigentlich bezahlt (das habe ich dann doch nicht ganz so direkt formuliert.).

Zwei der Punkte sind erledigt: Die Erzieherin der Klasse ließ sich heute aus, dass sie insbesondere mit diesem Transport-Service da gerade so ihre Probleme hätten, und dass sie es gar nicht lustig fänden, wenn sie plötzlich Saskia umsetzen müssten. (Wenn man ehrlich ist, machen sie das tagsüber allerdings auch. Jedenfalls hoffe und glaube ich, dass Saskia nicht den kompletten Tag im Rollstuhl verbringt. Allerdings kommt bei der Bring- und Abholsituation noch dazu, dass da die Kinder massenabgefertigt werden (was gar nicht so böse gemeint ist, wie es vielleicht klingt), und die wenigen unmittelbar anwesenden Aufsichtspersonen vielleicht doch ein Problem hätten, sollten sie jetzt plötzlich alle Kinder nochmal umsetzen.)

Und bei einem Gespräch mit unserem Reha-Berater1. kamen wir heute auch nochmal auf die Sicherheit, und er bestätigte uns, dass Transport im Rollstuhl eigentlich immer nur ein Notbehelf sei, und zum Beispiel die Kopfstützen  ganz andere Anforderungen erfüllen (müssen), als zum Beispiel bei einem Unfall den Kopf zu schützen.

Und nun?

Zugegeben: Auf Dauer wird das nicht funktionieren, dass die Schulbus-Fahrer Saskia täglich umsetzen. Zur Zeit wiegt sie 28 Kilo, da ist sie seit Ende der ketogenen Diät stabil – aber das wird mehr werden. Und irgendwann wird sie so „unhandlich“ sein, dass das einfach nicht mehr sinnvoll machbar ist, fürchte ich. Aber eigentlich sind wir beide der Meinung, dass dieser Punkt noch nicht erreicht ist – und dass wir keinerlei Ambitionen haben, uns den Rollstuhl mit schweren Halterungen zu versauen, und Saskia im Rollstuhl transportieren zu lassen. Und das nur, weil die Chefin der Transportfirma keine Lust zu haben scheint, ihren Auftrag zu erfüllen …


1 Und wo ich gerade bei einem ultra-langen Artikel bin, kann ich auch hier noch diese Anekdote unterbringen: Der Herr Schuchmann persönlich, der Chef der gleichnamigen, Reha-Mittel herstellenden Firma, mit dem wir uns auf der Reha-Messe letztens unterhielten, sagte bei der Erwähnung unseres Reha-Beraters „Ach ja, der Herr …, na der wird ja …“ – schien ihn also zu kennen. Was ich schon ziemlich lustig finde. Für so klein hätte ich die Reha-Welt dann doch nicht gehalten.

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Eine Antwort zu Rollender Transport

  1. Sommersprosse schreibt:

    Da bin ich aber gespannt, wie die Angelegenheit sich entwickelt!
    Ich bin auch der Meinung, solange der Fahrer ein Mann ist, sollte es so bleiben. Die Frauen in der Schule haben den ganzen Tag genug zu schleppen.

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