Irritierender Besuch

Eine ganz unmittelbare Konsequenz, die wir aus dem Elterngespräch gezogen hatten, war, dass ich am vergangenen Dienstag Saskia selber in die Schule brachte – und zum Frühstück und dem anschließenden Morgenkreis dort blieb.

Die Idee war nicht primär, sich dabei um Saskia zu kümmern (und zum Beispiel das Pürieren des Frühstücksbortes zu verhindern :-?), sondern still im Hintergrund zu sitzen, und zu beobachten. Die offizielle Version, die wir am Abend vorher telefonisch der Lehrerin erzählten – und die natürlich auch stimmt -, war, dass wir auf der Suche sind nach einer Erklärung für die Diskrepanz der Wahrnehmungen: Unserer Meinung nach geht es Saskia fantastisch, die Schule erzählt oft etwas davon, dass Saskia schlapp gewesen sei – wieso das? Welche der beiden Parteien hat da eine verschobene Wahrnehmung? Oder hat Saskia in der Schule tatsächlich ein Problem? Warum?

Die Antwort auf diese Frage habe ich nicht wirklich bekommen, Saskia war in den zwei ca. 90 Minuten, die ich mit ihr dort war, für mein Verständnis gut drauf – und auch für das Verständnis der Lehrerin, wie sie mir hinterher bestätigte. Allerdings … fehlte bei ihr trotzdem irgendwie die Begeisterung. Sie war zwar aktiv, aber ihr fehlte, glaube ich, der Spaß. Und insofern war das „gut drauf“, was ich dort erlebt habe, immer ein Stück weit entfernt von dem „gut drauf“, dass wir eigentlich von ihr kennen.

Nun ja. Über diesen Eindruck, den ich dort hatte, denken wir mal gesondert nach, bei Gelegenheit. Darum soll es nämlich eigentlich nicht gehen hier.

Worum es gehen soll, sind … Irritationen.

Kleine Irritationen: Ich würde Saskia eigentlich im Morgenkreis nicht unbedingt sowohl am Becken als auch am Oberkörper anschnallen, zusätzlich zum Tisch an ihrem Madita-Stuhl. Ich würde den Tisch eigentlich auch nicht so hoch einstellen, die Armhaltung sieht immer … anstrengend aus. Ich würde vielleicht auch mal testen, ob es nicht besser wäre, Saskia in ihrem Madita statt ihrem Rollstuhl an den Mini-Tisch im „Esszimmer“ zu setzen – in Letzterem sind ihre Knie höher als der Tisch.

Das sind die Kleinigkeiten. Über die habe ich hinterher auch mit der Lehrerin und der Ergotherapeutin kurz (ich musste wieder zur Arbeit) geredet. Und da sehe ich recht problemlos ein, dass man da unterschiedliche Meinungen haben kann: Wenn Saskia nicht permanent unter Beobachtung ist, dann ist es keine gute Idee, sich nur auf den Beckengurt zu verlassen – den bekommt sie nämlich auf, wenn sie will. Und dass Therapeuten immer der Meinung sind, ein hoher Tisch fördert die aufrechte Körperhaltung, ist ja auch bekannt. Das muss ich nicht mögen, damit kann ich aber leben.

Die großen Dinge sind andere …

Als ich Saskia „abgab“, und mich in den Hintergrund zurückzog (nicht ohne zu sagen, dass wir das Brot heute bitte nicht pürieren, und ich die Verantwortung dafür übernehme), konnte ich gar nicht so schnell gucken, wie die Ergotherapeutin Saskia einen Löffel mit ihrem Frühstücksbrot in die Hand gedrückt hatte, und ihr den zum Mund führte. Bitte? Gerade als Ergotherapeutin weiß sie (das sagte sie auch selber), dass Saskia das selbst kann. Ohne Löffel. Ganz hervorragend. Könnte sie sie das also bitte auch selbst machen lassen? Könnte sie ihr bitte die Zeit lassen, um das selbst zu machen? An der Stelle war es erst mal nix mehr mit „im Hintergrund“ für mich … Und ich frage mich, bei wie vielen anderen Gelegenheiten Saskia auf diese Weise, völlig unnötig, zu ihrem Glück gezwungen wird, statt ihr Zeit zu lassen. Wenn Saskia eines ist, dann langsam. Das sollte man inzwischen eigentlich auch in der Schule gemerkt haben, dass man Saskia für viele Dinge Zeit lassen muss, dann wird das oftmals auch was …

Die nächste, noch deutlich größere Irritation, die mich seitdem permanent beschäftigt, war die Folgende:

Beim Morgenkreis gab es auch eine Reihe der üblichen Singspiele. Mit Singen, Klatschen, irgendwelchen mit den Händen zu machenden Gesten und Figuren … So was halt. Kennt man.

Und dann sagte eine der anwesenden Erwachsenen (da drei andere Kinder ihre persönliche Begleitung dabei haben, bin ich mir bei all den Leuten nicht ganz sicher, glaube aber, dass diese Frau zur Schule gehörte) zur Ergotheraputin „Ich mach das mit Saskia“, die Ergotheraputin kümmerte sich daraufhin um ein anderes Kind, und die Frau … führte Saskia die Hände bei den Figuren und beim Klatschen.

Ich habe lange drüber nachgedacht. Nicht falsch verstehen, bitte: Saskia zu animieren, etwas zu tun, es ihr zu zeigen, es ihr auch mit ihren eigenen Händen vorzumachen – das finde ich Klasse. Ihr aber, während sie gelangweilt in die Gegend schaut, ziemlich wortlos die Hände zu führen – das find ich merkwürdirg. Sehr sehr merkwürdig.

Diese Selbstverständlichkeit, mir der unsere Tochter da plötzlich zur Marionette degradiert wurde, die finde ich schlimm. Auch noch, nachdem ich das Thema drei Tage von allen Seiten beleuchtet und mit verschiedenen Leuten (unter anderem A., einer Kindergärtnerin) diskutiert habe.

Ich meine, sie hatte keinen Spaß dabei, das sah man – es war ihr einfach nur egal. Und so sehr ich auch darüber nachdenke, mir fällt kein Grund ein, warum man das dann tut. Außer: Es steht grad so im Drehbuch, dass die Kinder das mitmachen sollen. Und denen, die es nicht können – das gilt für drei von sechs Kindern in dieser Klasse – hilft man halt. Find‘ ich toll. Aber was ist mit denen, die es gar nicht wollen? Muss man denen auch dabei helfen? Und ihnen auf diese Weise beibringen, dass, wenn jemand anders möchte, dass man etwas tut, es völlig okay ist, wenn dieser andere die Kontrolle über den eigenen Körper übernimmt? Und dass man das einfach so mit sich geschehen läßt, denn bald ist es ja wieder vorbei?

Ja?

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11 Antworten zu Irritierender Besuch

  1. Muschelsucher schreibt:

    Obwohl die Thematik bei uns eine ganz andere ist, hätte der Text im Tenor von mri geschrieben sein können. Inzwischen habe ich akzeptiert, daß man Therapeuten und Lehrer fast nie ändern kann. Leider. Ich habe dabei viel Kraft gelassen.

    Marionette -so habe ich es auch oft empfunden oder bei behinderten Kindern in der Regelgruppe habe ich es öfter so gesehen, als wenn sie als Klassenhaustier gehalten werden.

    Die Normalos üben an den Behinderten das ein, was man sich auch durch ein Haustier verspricht.
    Empathie, soziales Verhalten, Körpersprache lernen (wichtig für angehende Manager).

    Liebe Grüße

    • Graugrüngelb schreibt:

      Deshalb haben wir Saskia nicht integrativ in der Grundschule angemeldet – weil wir Angst hatten, dass sie dort zum Klassenmaskottchen wird. Tja …

    • Die Tatsache, von Dir und anderen immer mal wieder zu hören, dass Ihr diesen „Spaß“ schon sehr viel länger habt, ist nicht wirklich ermutigend 😦
      Schöner wäre doch irgendwie eine Aussage der Art „Du musst es ihnen nur sagen, dann klappt das alles“ gewesen, oder? 😕

  2. conny schreibt:

    Ich kann garnicht schreiben was für Gefühle dein Post in mir auslöst…
    Ja, genau so ist es, das ist Schule für geistig behinderte Kinder!
    Ich hasse es und auch mich kostete und kostet es weiterhin viel Kraft Lehrer und Therapeuten (letztere weniger als erstere) auf diese so wichtigen Kleinigkeiten hinzuweisen und ihnen klarzumachen warum ich was wann nicht will!
    Sie wollen es oft nicht verstehen!
    Das was du beschreibst klingt doch danach das es mit gesundem Menschenverstand und Respekt vor diesem Menschen ganz einfach zu erfassen ist……dem ist leider meiner Erfahrung nach nicht so. Insbesondere Lehrer lassen sich nur sehr ungern belehren, auch wenn man versucht so subtil zu bleiben wie irgend möglich!
    Mein Traum ist, etwas eigenes zu eröffnen!
    Irgendwann wird dieser Traum Wahr werden!!
    Viel Kraft für euch!
    LG
    Conny

    • Graugrüngelb schreibt:

      Bei der Schule für geistig behinderte Kinder hatte ich vor genau solchen Sachen Angst. Das war einer der Gründe, weshalb wir uns für die Körperbehinderten-Schule entschieden haben.

      • Muschelsucher schreibt:

        J. war erst auf einer KB Schule und trotz eines Gutachtens das eine geistige Behinderung ausschließt haben wir ihn auf die gB Schule hier vor Ort wechseln lassen. Da spielten viele Faktoren eine Rolle, das zu erklären sprengt es hier, aber es ist das passiert, was ich nie dachte, er lernt dort mehr auch was Deutsch und MAthe angeht, viel mehr in Sachen Lebenspraxis, Selbständigkeit, Selbstorganisation, Selbstversorgung. Er ist genau KEINE Marionette mehr, sondern muß selber machen. Fakt ist aber, daß er körperlich einer der schwerer beeinträchtigten da auf der Schule ist, was ihn aber eher nicht so zu stören scheint.

        Liebe Grüße

        • Graugrüngelb schreibt:

          Die (örtlich zuständige) G-Schule hat leider völlig zu unseren Arbeitszeiten inkompatible Schulzeiten und bietet außerdem keine Therapien an. Da müssten wir fast jeden Nachmittag los (und ich müsste meinen Job aufgeben, was ich nicht will). Noch hoffe ich, dass sich in Saskias derzeitiger Schule etwas ändern lässt.

  3. C. Rosenblatt schreibt:

    Ach Mensch es tut mir so leid für sie, dass sie den Alltag von Saskia so miterlebten.
    Ich habe beim Lesen zwischendurch auch an Haustiere gedacht. Naja- ich habe an meine Hündin gedacht und daran wie blöde (ja wirklich dumm) andere Menschen mit ihr umgehen und wie verquer meine Anweisungen umgesetzt werden.

    Und ich habe daran gedacht, wie ich selbst mit den körperlich eingeschränkten Kindern umgegangen bin, mit denen ich zusammengewohnt habe.
    Da war zu Beginn viel: Was soll ich machen? und als ich merkte, dass das Kind sich weder beschwerte noch an dem was ich tat direkt einging, machte ich einfach das, was ich machte. Und das schloss mit Sicherheit auch genau solche blöden Kleinigkeiten und Fehlgriffe ein, wie bei den Menschen die Saskia betreuen.

    Vielleicht kann man diese Dinge einfach umsetzen, die sie beschrieben haben und dann schauen was sich ändert?
    Viele Grüße

  4. Pingback: Was fördern eigentich Förderschulen? | Graugrüngelb

  5. Claudi schreibt:

    Als mitlesende Logopädin bin ich entsetzt darüber, was hier so über Kollegen berichtet wird und was so in einer sogenannten Spezialeinrichtung abgeht.
    Allerdings habe ich als Vorpraktikantin (vor 35 Jahren) und auch als junge, engagierte Therapeutin(vor 30 Jahren) in zwei völlig verschiedenen Sonderkindergärten in völlig verschiedenen Teilen Deutschlands selber so frustrierende Erfahrungen gemacht, dass ich nie wieder im Team arbeiten wollte. Das sogenannte Team war jeweils eine festgebackene Masse aus Leuten, die Dienst nach Vorschrift machten und jede neue Idee als Angriff auffassten. Eigeninitiative war eine Todsünde.
    Gut möglich, dass auch in Eurem Fall einzelne Teammitglieder für sich privat ganz anders arbeiten würden, aber permanent ausgebremst werden, Mundverbot erteilt bekommen und schließlich völlig ausbrennen und entweder den Weg des geringsten Widerstandes gehen oder alles hinschmeißen. (Wir reden hier – hoffentlich- von Einzelfällen)
    Ich wünsche Euch von Herzen, dass Ihr für Saskia eine optimale Lösung findet, ohne beruflich zurückstecken zu müssen.

    Claudia

  6. mutterchaos schreibt:

    Ich bin schockiert. So ein Verhalten hätte ich niemals von einer Schule mit FACHLEUTEN erwartet. Mit „angelernten“ Lehrern, die bislang nix mit einem behinderten Kind zu tun hatten… vielleicht… aber niemals von Lehrern, Therapeuten und Pädagogen an einer KB-Schule.
    Unglaublich. Traurig, schockierend und unverschämt. Die machen ja alle Fortschritte durch dieses Verhalten kaputt oder verhindern weitere 😦

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