Durchgeführte Sanktionen

Was mache ich mit einem Kind, das seine Medizin nicht nehmen will? Erklären hilft nicht. Bitten hilft nicht. Androhen von Sanktionen hilft nicht.

Zum Bespaßen fehlt irgendwann die Energie: Saskia kann im Takt weniger Sekunden zwischen Bockigkeit – der Kopf wird weggedreht und ein Flunsch gezogen – und abgrundtiefer Fröhlichkeit springen – alle drei Sekunden ein Wechsel. Immer, wenn man denkt, dass man sie aus dem Bocken herausbekommen hat, kippt die Stimmung völlig unvermittelt wieder um – und man fängt wieder von vorn an. Das macht man nur 10 oder 20 oder auch 50 Mal – irgendwann geht es an die Substanz, dann bleiben nur noch erklären, bitten, sanktionieren. Alles ganz friedlich – mein Gott, zu welcher Geduld ich da inzwischen fähig bin! -, aber auch alles ganz nutzlos.

Die Runde durchs Bad haben wir heute früh in weniger als einer haben Stunden geschafft, was in Anbetracht der gestrigen 90 Minuten phänomenal war. Das Frühstück wurde letztendlich nach einer halben Stunde abgebrochen – auch das dauerte gestern 90 Minuten, aber die konnten wir heute nicht warten. Und irgendwann isst sie schon …

Aber die Medizin? Die wollte sie weder in der halben Stunde, noch in der dreiviertel Stunde danach. Kein Erklären, kein Bitten, kein Drohen. Nichts.

Schlussendlich packte ich sie in den Rollstuhl, und erklärte ihr, dass wir jetzt ins Krankenhaus fahren. Sollen die sehen, ob sie das Zeug intravenös in sie reinbekommen. Und ich meinte das verdammt ernst! Ich kann sie nicht in eine Fremdbetreuung geben, wenn sie ihre Medikamente nicht genommen hat – sonst werden wir definitiv im Lauf des Tages dazu gerufen, weil sie Entzugsanfälle hat. Hätten wir einen freien Tag gehabt, hätte ich einfach versucht, das auszusitzen – aber wir hatten auch noch andere Pläne. Arbeiten, und so. Jaja, Rabeneltern: Behindertes Kind, und trotzdem beide arbeiten wollen. Geht jar gar nicht …

Wie gesagt: Mir war es verdammt ernst – ich war an dieser Stelle auf dem Weg ins Krankenhaus. Saskia wollte, als wir das Haus verließen, eine ihrer Eulen haben – was ihr von mir ein „Das kannst Du vergessen, wer seine Medizin nicht nimmt, bekommt keine Eule!“ einbrachte. Gefolgt von der Erklärung, dass sie dann wohl auch im Krankenhaus keine Eule haben würde.

Und so schlecht ich mir dabei vorkam (und auch jetzt, wo ich das schreibe, vorkomme) – das wirkte letztendlich. Auf dem Weg zum Auto erzählte Saskia etwas von Medizin und Eule. Der unmittelbare Versuch, ihr die Medikamente – ich hatte sie vorsichtshalber eingesteckt – zu geben, scheiterte. Das nächste Mal wartete ich länger, bis sie oft genug „Medizin“ und „Eule“ gesagt – nein, gejammert – hatte, erklärte ihr noch mal den Zusammenhang zwischen den beiden, und 2 Minuten später waren die Medizin in Saskias Magen und die Eule in ihren Armen.

Nein, das hat verdammt nochmal überhaupt keinen Spaß gemacht!

Letztendlich ist mein Eindruck, dass der Trick darin bestand, Sanktionen nicht nur anzukündigen, sondern durchzuführen. Vielleicht eine Binsenweisheit in der Kindererziehung, ich weiß es nicht. 6 Jahre hatten wir keinerlei derartigen Probleme, und auch jetzt habe ich nicht den Eindruck, dass das nur eine normale Phase ist – dieses schnelle Springen zwischen den Zuständen macht einen sehr schizophrenen Eindruck, als säßen da zwei Seelen in diesem Kind, und rängen miteinander um die Vorherrschaft. In Anbetracht der Nebenwirkungsliste von Keppra – viele viele bunte Dinge, die sich unter „psychische Störungen“ zusammenfassen lassen – habe ich da einen sehr eindeutigen Verdacht …

Und nun? Ich habe Angst vor dem nächsten Morgen, ich will das nicht schon wieder spielen, so wie wir das seit Tagen jeden Morgen und jeden Abend spielen, gefühlt immer schlimmer werdend, und mit immer neuen Lösungen, die nie lange funktionieren. Die letzte Stufe dieser Eskalation wird sein, dass wir sie wirklich ins Krankenhaus bringen und an den Infusor hängen. Scheiße.

Ich könnte und kann mit vielen Dingen umgehen. Sie will nicht essen? Bitteschön: irgendwann bekommt sie schon Hunger. Sie will nicht von mir umgezogen werden, bockt aber, wenn ich sie auffordere, es selber zu tun? Bitteschön: ich erkläre ihr die Regeln – dreimalige Aufforderung/Angebot von mir, wenn dann nichts passiert, mache ich es -, und dann spielen wir nach diesen Regeln. Sie wirft lauter Dinge vom Tisch, oder durch die Gegend? Bitteschön: Je nach Situation kann man das friedlich ignorieren, oder ihr einfach erklären, dass ihr Tag erst weitergeht, wenn sie das wieder aufgehoben/eingesammelt hat. Klappt alles irgendwie.

Aber „Sie will ihre Medizin nicht nehmen“? Dankeschön – auf die Konsequenzen kann ich verzichten.

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8 Antworten zu Durchgeführte Sanktionen

  1. C. Rosenblatt schreibt:

    Bei Artikel wie diesem würde ich manchmal gern in der Zeit zurück gehen und die Hand halten, über den Kopfstreicheln und sagen „Alles wird gut“
    um dann zu merken, wie dämlich das ist.
    Nicht, weil nie alles gut werden würde, sondern weil von allein alles eben immer wieder bestmöglich wird.
    Viele Grüße

  2. Sommersprosse schreibt:

    Oh man, das ist aber auch schlimm. Alles andere könnte man ignorieren, aber die Medizin muß rein. Obwohl es ihr ja im Moment verhältismäßig gut geht: Ich beneide Euch nicht , wegen der Nerven die Ihr täglich haben müßt. 😦

  3. Steffi schreibt:

    Hi,
    jetzt muss ich doch auch ( nochmal) meinen Senf dazu geben. Medis hin oder her das klingt echt wie Theater von „normalen“ ca. 3-4 jährigen Kindern. Ähnliche Spielchen in verschiedensten Variationen habe ich täglich mit meiner 3 jährigen (inkl. Stimmungswechsel im Sekundentakt). Auch sie versteht teils selbst nicht, was sie eigentlich will….. Der 5 jährige ist teilweise noch schlimmer wenn auch ( nicht mehr) so stark schwankend. Auch ich gehöre zum Klan der Rabenmutter und gehe Vollzeit arbeiten. Das bringt mal mehr mal weniger Zeit und Lust mit sich damit auseinanderzusetzen….. Was hilft: Dinge androhen die „weh tun“ – Eule weg…. Bei uns Fernsehen Verbot ( meist h nur 5 min pro Tag aber sehr geschätzt :-)) Gummibärchen Verbot oder Gute Nacht Geschichte Verbot. Was wichtig ist: durchziehen….. Heisst im schlimmsten Fall schreien und toben bis man einschläft, weil man keine Geschichte bekommen hat… Beim 2 Mal reicht die Drohung…. Ich schick mal gute Nerven rüber und drücke die Daumen, dass es nur „eine ganz normale „gute“ Phase ist“ – mit viel Eigensinnentwicklung und allem was dazu gehört….
    LG Steffi

    • Lars schreibt:

      Hallo Steffi,
      also ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Sanktionen meistens am besten helfen, wenn Sie mit der Situation direkt in Verbindung gebracht werden können. Also als Beispiel wenn unsere Kinder im Bad vorm Schlafengehen zuviel spielen und rumalbern statt sich umzuziehen zu waschen usw. und es sich demzufolge mit „ins Bett gehen“ sehr spät wird, dann wird die Gute-Nacht-Geschichte entsprechend gekürzt. Ist nicht toll, wenn man mittendrin nicht weiterliest. Es wird natürlich geheult und demonstriert, aber am nächsten Tag klappts dann. Und wie Du schon bemerkt hast: Man darf nur nicht einknicken sondern konsequent sein! Ist gar nicht so einfach, wenn einem die feuchten bittenden Knopfaugen entgegen schauen „nur ausnahsweise“. Aber ich muss Dir Recht geben, Saskias Verhalten erinnert mich auch stark an meinen 3 1/2 Jährigen.

      • Ihr meint, so was sei ganz normal? Ehrlich? Auch bei gesunden Kindern? Ohne psychoaktive Substanzen?

        Warum eigentlich ist die Menschheit noch nicht ausgestorben … 😕

        Naja, Euer beider Antworten machen jedenfalls Hoffnung, dass wir das vielleicht möglicherweise unter gewissen Umständen überstehen, ohne … Saskia an die Wand zu nageln, oder das Keppra wieder rauszunehmen, oder …

        Zeit ist im Leben mit Saskia sowieso eine knappe Resource, und wenn man dann plötzlich so ein krankes Pferd hat, wo man morgens oder abends schon mal 4 Stunden braucht für Abläufe, die eigentlich in 2 Stunden durch sind, dann zerrt das verdammt an den Nerven auf Dauer …

        Viele Grüße
        ‚Locke‘

        • Steffi schreibt:

          Hi Lars und Locke,

          ja ist wohl „normal“ :-). Und ich frage mich auch manchmal, wieso man sich das ein zweites oder dritttes oder….. Mal antut…. Muss wohl was mit GANZ STARKEN Hormonen zu tun haben :-).
          Das mit der unmittelbaren Bestrafungsandrohung ist halt der schwierige Part: das Kind muss Morgens nicht pünktlich aus dem Haus ( oder sieht zumindest keinen Sinn darin) und in der Regel gibt es Morgens auch keine Annehmlichkeiten, die man dann eben mal schnell streichen kann….. oder? Ich bin offen für Ideen. Ich war gerade auch soooo unglaublich glücklich, dass die beiden Rabenkinder endlich schlafen und habe jetzt schon wieder ein schlechtes Gewissen wegen dieses Gefühles… sind das auch wieder die Hormone? Aber ich hatte heute volles Programm: beim Einkaufen alle 2 Meter synchron ICH WILL DAS aber…. Mit abschliessendem Wutanfall und Hinschmeissen an der Kasse…. Und das war nur der Gipfel… Nervig auch die ganzen „kleinen“ Auseinandersetzungen… Ist aber halt so – und macht willensstarke Kinder – habe ich mir von anderen verzweifelten Eltern sagen lassen :-)))).
          Gute Nerven und liebe Grüsse
          Steffi

  4. Elisabeth schreibt:

    Diese Alpträume spielen wir ja immerwieder mal durch. „Was tun wenn…..“, es muss schrecklich sein. Ich wünsch Euch Nerven für all das, und wenn Ihr sie verliert, dann fühlt Euch bitte nicht schlecht. Letztendlich können wir unsere Kinder wirklich nur „an den Tropf hängen lassen“, wenn sie die Medikamente nicht nehmen.
    Tut mir leid, dass Ihr so eine blöde Phase nun auch noch mittragen müsst.
    liebe Grüsse
    Elisabeth

  5. Pingback: Fehlender Titel | Besser so als anders

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